Antje Schrupp im Netz

Macht und Politik sind nicht dasselbe

Ein neues Buch der Diotima-Philosophinnen von der Universität Verona erscheint im Frühjahr 2012

Bild: Cover Potere e politica

Haben wir es heute mit dem endgültigen Rückgang der Politik zugunsten einer staatlichen Macht zu tun, die zum bloßen Instrument der stärksten ökonomischen Kräfte geworden ist? Die italienische Philosophinnengruppe Diotima stellt dies in Frage.

Besonders in Italien, aber nicht nur dort werden Politik und Macht ständig verwechselt. Es herrscht Unklarheit über die Unterschiede. Durch diese Verwirrung wird Politik beschädigt und lächerlich gemacht. Die Diotima-Frauen halten es für eine oberflächliche Betrachtungsweise, wenn für das gegenwärtige Elend der Politik nur der Machthunger bestimmter Personen und Einrichtungen verantwortlich gemacht wird. Sie lehnen es ab, eine moralische Frage daraus zu machen. Stattdessen suchen sie nach Möglichkeiten, wie die Politik wieder aus ihrer Ohnmacht herauskommen könnte, wahren aber eine distanzierte Haltung zu den Mitteln der Macht. Einen wichtigen Grund für das gegenwärtige Elend der Politik sehen sie darin, dass feministisches Denken von den politischen Parteien weitgehend ignoriert worden ist.

Vielleicht auch deshalb haben die klassischen politischen Strukturen für viele Frauen keine große Attraktivität. Parteien klagen, wie schwierig es sei, Kandidatinnen zu finden – an männlichen Bewerbern herrscht hingegen nie Mangel. Das bedeutet aber nicht, dass Frauen politisch desinteressiert wären, im Gegenteil. Politik – im Sinne des gemeinsamen Verhandelns über die Regeln des Zusammenlebens – findet ja nicht nur in Parteien und Parlamenten statt, sondern überall, in privaten Initiativen, am Arbeitsplatz, sogar in der Familie.

Wenn das Streben nach Machtpositionen und ihrem Erhalt wichtiger wird als Inhalte, dann ist der Raum des Politischen gefährdet. Die Abneigung vieler Frauen gegenüber Machtpolitik könnte, so gesehen, gerade ein Hinweis auf ihre politische Leidenschaft sein. Die italienischen Denkerinnen betonen, dass Macht und Politik nicht als gegensätzliche Blöcke zu verstehen sind, sondern sich permanent vermischen. Die Unterschiede sind subtil und nicht leicht zu erkennen. Es geht nicht darum, sich prinzipiell von der Macht fernzuhalten. Das Anliegen der Autorinnen ist es, die Leidenschaft für Politik gerade auch innerhalb von Machtstrukturen zu erhalten.

Übersetzerinnen und Herausgeberinnen:

Dr. Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin und Journalistin und lebt in Frankfurt am Main. Sie beschäftigt sich vor allem mit weiblicher politischer Ideengeschichte und bloggt unter www.antjeschrupp.com regelmäßig zu politischen und gesellschaftlichen Themen.

Dr. Dorothee Markert ist freiberufliche Publizistin und Lerntherapeutin und lebt in der Nähe von Freiburg im Breisgau. Ebenso wie Antje Schrupp ist sie seit vielen Jahren vom Denken der „Italienerinnen“ inspiriert. Dorothee Markert bloggt unter www.dorotheemarkert.wordpress.com.

Videos zum Thema

Im Vorfeld habe ich mit einigen der Autorinnen kurze Interviews geführt.

Warum Macht und Politik nicht dasselbe sind und was die Frauen mit all dem zu tun haben, erklärt Luisa Muraro hier: zum Video

Diana Sartori hat sich mit der »politischen Differenz« beschäftigt, wonach sich machtstabile und politisch-revolutionäre Zeiten klar voneinander unterscheiden, und sucht eine Alternative zu dem klassischen Revolutionsverständnis: zum Video

Chiara Zamboni spricht über das Begehren nach Politik und wo es momentan zu finden ist: zum Video

Artikel zum Thema

Dorothee Markert: Eine Gewerkschaft kehrt zur Politik zurück und weiß es nicht.