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Du hast gerade ein kleines Buch mit dem Titel „Zukunft der Frauenbewegung“ veröffentlicht. Was lässt dich denn so optimistisch sein?

 

Nun ja, schließlich hat es zu jeder Zeit Frauen gegeben, die sich für die weibliche Freiheit engagiert haben – wieso sollte sich das in Zukunft ändern? Die Frage ist für mich nicht, ob die Frauenbewegung eine Zukunft hat, sondern wie sie aussieht.

 

Klar ist, dass sich in den letzten dreißig Jahren vieles verändert hat. Wir haben uns den Zugang zu Institutionen erkämpft, neue Lebensmodelle ausprobiert, sind in vielerlei Hinsicht neue Wege gegangen. Frauen haben gelernt, ihre Freiheit zu lieben – und das lässt sich auch nicht mehr rückgängig machen.

 

In vielen Bereichen haben Frauen eine neue Kultur aufgebaut: In ihren Beziehungen, in ihren Familien, in ihren Gottesdiensten, an ihren Arbeitsplätzen. Sie haben auch in vielerlei Hinsicht Lösungen gefunden, zum Beispiel im Bezug auf den Umgang mit der Differenz – Frauen können sich streiten, ohne einander die Köpfe einzuschlagen. Frauen wissen auch, wie wichtig Care- und Fürsorgearbeit ist und handeln entsprechend. Sie pflegen eine andere Diskussionskultur, legen mehr Wert auf Inhalte als auf Spektakel.

 

Ein Problem ist aber, dass die von Männern (oder zumindest von ihren Spielregeln) dominierten sichtbaren Strukturen, also politische Gremien, Medien oder Institutionen, diese Entwicklung ignorieren. Sie glauben, es reicht, Frauen formal gleichzustellen und ansonsten so weiter zu machen wie bisher. Dass das nicht funktioniert, können wir jeden Tag in der Zeitung lesen. Deshalb haben Frauen auch immer weniger Lust, sich an diesen Orten überhaupt noch zu engagieren.

 

Ich glaube aber, dass es möglich ist, die eigenen Maßstäbe und Ideen dort hinein zu tragen, ohne sich zu integrieren und anpassen. Zum Beispiel könnten wir auch interessierte Männer stärker als bisher einladen, sich an unserer Arbeit für eine neue Kultur zu beteiligen. Vielen Frauen fehlt es jedoch an Selbstbewusstsein und Verhandlungsstärke – unter anderem deshalb, weil sie von der Kultur der Männer immer noch Anerkennung erwarten. Dabei sind die Orden und Rangabzeichen, die sie untereinander so gerne verteilen, doch überhaupt kein Zeichen für Qualität! Oft glauben Frauen auch, das, was sie alltäglich tun und diskutieren, sei „nur privat“ und unwichtig gegenüber den vermeintlich großen und wichtigen Dingen, die in der Tagesschau kommen. Dabei ist es die eigentliche, echte Politik!

 

Meine Hoffnung ist, dass viele Frauen diese Herausforderung annehmen, gestärkt durch ihre Beziehungen zu anderen Frauen und jede dort, wo sie tätig ist – innerhalb und außerhalb der Institutionen. Denn ich mache mir zwar keine Sorgen um die Zukunft der Frauenbewegung, aber ich mache mir schon Sorgen um die Zukunft unserer Gesellschaft.

 

In: Arbeitstelle Frauen in der Kirche (EKHN), Hg.: Bye bye und alles wird anders, oder? Darmstadt, 2005

 

 

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