
Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach
2009
ISBN 978-3-89741-292-7
Einleitung
Wichtige
Veränderungen vollziehen sich
oft erst einmal unbemerkt vom
Denken und ohne dass ihre
Tragweite offen zu Tage tritt.
Ganz besonders gilt dies für das
Vordringen der Frauen in die
öffentliche Sphäre, in den
Bereich der Politik und der
Arbeitswelt. Nach Jahrtausenden,
in denen das Weibliche als das
Andere galt und die
Geschlechterdifferenz zur Folie
für die Aufteilung der Welt in
falsche Dualismen und
Hierarchien gemacht wurde –
Geist versus Körper, Kultur
versus Natur, Öffentliches
versus Privates, um nur einige
zu nennen – ist diese
symbolische Ordnung heute nicht
mehr wahr. Doch welche Bedeutung
und welche Auswirkungen diese
Veränderung hat, ist bisher kaum
durchdacht und benannt.
Die etablierten
Institutionen der
Wissensproduktion –
Universitäten, Medien,
politische Verbände – behandeln
die Anwesenheit von Frauen eher
beiläufig, so als wäre dies nur
ein Detail, eine Fußnote der
Weltgeschichte oder eine
Angelegenheit, die lediglich die
Frauen selbst betrifft. Zwar
gibt es inzwischen eine Vielzahl
wichtiger Bücher, meist von
Frauen, die sich der
Herausforderung stellen, diese
Veränderung in Worte zu fassen
und ihre Bedeutung zu
erschließen. Doch sie werden im
kulturellen Mainstream fast gar
nicht rezipiert. Es scheint
außerordentlich schwierig zu
sein, das Denken und die Politik
der Frauen als etwas zu
begreifen, das sich auf das
Ganze richtet, auf Frauen und
Männer gleichermaßen sowie auf
die gemeinsam bewohnte und zu
gestaltende Welt.
Immer wenn die
Realität und ihre Interpretation
allzu sehr auseinanderklaffen,
führt das zu symbolischer
Unordnung, zu Unsicherheit und
Verwirrung. Worte und Gesten,
Normen und Institutionen werden
sinnlos, und es ist schwer, zu
verstehen, was geschieht. Dann
erscheint es unmöglich, sinnvoll
zu handeln. Die vielen Krisen,
mit denen wir es in diesen Tagen
zu tun haben, legen davon
beredtes Zeugnis ab.
Was wäre, wenn
das nicht alles ist?
Dieses Buch
handelt davon, wie sich
kulturelle
Selbstverständlichkeiten und
eingefahrene Denkbahnen
verändern, wenn die sexuelle
Differenz als eine wirksame
Kraft wahrgenommen wird. Die
Freiheit der Frauen ist, anders
als ihre Emanzipation, keine
vorhersehbare oder gar
zwangsläufige Entwicklung. Sie
kann daher auch nicht in den
alten Denkmustern begriffen
werden. Bei meinen Analysen und
Vorschlägen beziehe ich mich auf
die westlich-abendländischen
Gesellschaften, auf ihre
Geschichte, Denktraditionen und
gegenwärtigen Prozesse. Das
bedeutet nicht, dass ich den
Austausch mit anderen Kulturen
und weltanschaulichen
Traditionen nicht ebenfalls für
wichtig halte (im Gegenteil).
Ich denke jedoch, dass die
Klärung des Eigenen ein
wichtiger erster Schritt ist, um
einen solchen Dialog überhaupt
sinnvoll führen zu können.
Natürlich sind
die in diesem Buch entfalteten
Thesen vorläufig, die
Zwischenbilanz eines Prozesses,
der seit vielen Jahren in Gang
und noch längst an keinem Ende
angelangt ist. Sie entstanden im
Austausch mit anderen, viele
Ideen und Anregungen von ihnen
sind in dieses Buch
eingeflossen.
Der Titel „Was
wäre wenn?“ ist dabei nicht
utopisch zu verstehen. Denn das
Nachdenken über die Welt führt
oft zu der sehr befreienden
Erkenntnis, dass es in Wahrheit
schon längst anders ist. Das
Begehren richtet sich zwar auf
das Neue, das noch nicht
Mögliche, das, was angesichts
der Realität zu wünschen ist.
Doch es ist nicht illusorisch,
sondern angebunden an das Reale
und an die Geschichte, aus der
wir hervorgegangen sind. Andere
Maßstäbe bieten nicht nur
unerwartete und unvorhersehbare
Zukunftswege, sondern auch neue
Perspektiven auf die Gegenwart
und auf die Vergangenheit.
Für mich selbst
bedeutete dieser Denkprozess
auch ganz konkret ein Mehr an
persönlicher Freiheit, und ich
würde mich freuen, wenn dieses
Buch dazu beiträgt, dass auch
andere – Frauen wie Männer –
ähnliche Erfahrungen machen.
Inhaltsverzeichnis:
-
Was kommt nach der
Gleichstellung? Warum
Emanzipation allein noch kein
Feminismus ist
-
Weiblichkeit denken. Versuch
einer Begriffsbestimmung
-
Abschied von der „guten“ Mutter.
Nachdenken über Mutterschaft und
Freiheit
-
Die Rückkehr der Vielehe. Warum
wir längst nicht mehr monogam
sind – und warum das auch nicht
schlimm ist
-
Konkurrenz ist unlogisch. Zum
weiblichen Unbehagen an einer
Kultur des Wettbewerbs
-
Die Realität bewegen: über den
Zusammenhang von Sprache und
Autorität
-
Neid. Ein ungeliebtes, aber viel
sagendes Gefühl
-
Dem eigenen Begehren folgen. Vom
Einlassen in das Spiel des
Lebens
-
Brauchen wir „große Frauen“? Vom
Sinn und Unsinn historischer
Frauenforschung
-
Was ist Arbeit? Statt einer
Definition
-
Mit Freude und Sinn:
Überlegungen zur Gestaltung des
Arbeitslebens
-
Über das Müssen. Für eine andere
Philosophie der Pflicht
-
Ohne Netz und doppelten Boden:
mit (Un)Sicherheit leben
-
Das Böse sichtbar machen, ohne
sich von ihm anstecken zu lassen
-
Was wäre wenn? Weibliches
Begehren und die Stärke des
Neuanfangs
Rezensionen:
Dorothee
Markert im Internetforum
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