"Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt
wie bisher" - dieser Satz von Tomasi di Lampedusa (in dem Roman "Der Leopard"
dem Fürst von Salina in den Mund gelegt), gedacht als Parabel auf die
italienische Mentalität, ist heute wieder ausgesprochen populär. Regierungschef
Silvio Berlusconi, noch im Frühjahr nach seinem spektakulären Wahlerfolg als
charismatischer Erneuerer gefeiert, ist inzwischen schwer angeschlagen. Von
seinen vollmundigen Ankündigungen, dass sich nun alles ändern werde - zum
Beispiel wollte er eine Million neue Arbeitsplätze schaffen - ist kaum mehr
übrig geblieben, als der Kampf um das nackte Überleben. Bei den Kommunalwahlen
im November hat seine Partei "Forza Italia" Verluste von über 20 Prozent
hinnehmen müssen, die Koalitionspartner werden immer aufmüpfiger, die Opposition
immer stärker und die Lira ist auf dem internationalen Geldmarkt so schwach wie
lange nicht. Zu allem Überfluss geriet Berlusconi, der sich doch als großer
Erneuerer des alten Parteienfilzes profilieren wollte, Ende November auch noch
selbst unter Korruptionsverdacht. Bleibt also in Italien wieder mal alles beim
Alten, auch nachdem sich alles geändert hat?
Zu den Konstanten des italienischen Lebens gehrte bis zum Machtwechsel im
Frühjahr auch der Einfluss der katholischen Kirche auf die Politik. In kaum
einem Land sind Patriotismus und konfessionelles Christentum traditionell so eng
miteinander verschmolzen, wie hier, wo der Satz, der Katholizismus sei "die
alleinige Religion des Staates" erst 1985 aus der Verfassung gestrichen wurde.
Auch das wollte Berlusconi „ändern. Er lebt in zweiter Ehe, gehört also zum
Kreis derer, die Papst Johannes Paul II. Erst kürzlich wieder von der Kommunion
ausgeschlossen hat. In der Öffentlichkeit macht der Regierungschef keinen Hehl
aus seiner distanzierten Haltung zum katholischen Glauben. Anlässlich der
Einweihung eines neuen Fiat-Werkes zum Beispiel verkündete Berlusconi, er habe
auf seinem Nachttisch kein Madonnenbildnis stehen, sondern eine Fotografie des
Fiat-Präsidenten Gianni Agnelli.
Andere Zeiten, andere Götter. Die evangelischen Kirchen in Italien - von denen
die Waldenserkirche mit rund 30.000 Mitgliedern die größte ist - haben die
unverhohlene Einmischung der katholischen Kirche in die Landespolitik und die
weitreichenden Privilegien, die der Staat ihr zugesteht, immer wieder
kritisiert. Dass nun aber stattdessen der Gott Mammon verehrt werden soll, wird
von ihnen auch nicht gerade bejubelt. Die evangelischen Kirchen in Italien haben
die politischen Ambitionen des mächtigen Privatunternehmers Berlusconi von
Anfang an skeptisch beurteilt. Zweifelhaft erschien ihnen vor allem sein
Vorhaben, Italien müsse nicht nach althergebrachter Politikerart geführt werden,
sondern wie ein großes Wirtschaftsunternehmen. Die nun geplante Finanzreform,
die unter anderem Kürzungen der Pensionen und radikale Einschnitte im
Gesundheits- und Sozialbereich vorsieht, hat diese Bedenken bestätigt. Maria
Bonafede, waldensische Pfarrerin in Rom, hält das liberale und antiklerikale
Auftreten Berlusconis ohnehin für Augenwischerei. Katholische Ideologie und die
Wirtschaftsstrategie der Regierung arbeiten ihrer Ansicht nach Hand in Hand an
einer konservativen Umgestaltung des Landes - vor allem zu Lasten der sozial
Schwachen und der Frauen.
“Es gibt zwar noch nichts Konkretes, aber wir sind in großer Sorge. Das
Ausmaß der Arbeitslosigkeit ist besorgniserregend, und der Mangel an
Arbeitsplätzen trifft vor allem die Frauen, weil sie die ersten sind, die aus
der Arbeitswelt ausgeschlossen werden. Dazu kommen die Pläne der Regierung, die
Pensionen und Renten zu kürzen, auch die geringen. Das würde zweifellos die
Frauen viel mehr belasten, als die Männer, weil sie häufig weniger Arbeitsjahre
vorzuweisen haben und ohnehin schon nur sehr kleine Pensionen beziehen. In
diesem Sinne erscheint uns die Orientierung der Regierung vor allem zulasten der
Frauen und der sozial Schwachen zu gehen. Dabei wird sie, sozusagen in
theoretischer Hinsicht, vom Katholizismus unterstützt, der die Aufgaben der Frau
wieder verstärkt im Bereich der Familie sucht, als so genannte Hüterin
moralischer Werte, als Helferin für Kinder und Ehemann. Diese beiden
Entwicklungen ergänzen sich verhängnisvoll, einerseits die Arbeitslosigkeit, die
Rentenkürzungen, die Einschnitte auf dem Gebiet der öffentlichen Gesundheits-
und Sozialversorgung von Seiten der Regierung und auf der anderen Seite der
öffentliche Diskurs der katholischen Kirche.“
Neben der übermächtigen großen katholischen Schwester können die Evangelischen
in Italien jedoch nur schwer ihren Einfluss geltend machen. Ihre Anzahl bewegt
sich, gemessen an der Bevölkerungszahl, im Promillebereich. Die waldensische,
die methodistische und die baptistische Kirche, die sich im Bund der
Evangelischen Kirchen Italiens zusammengeschlossen haben, bringen es zusammen
Gerademahl auf 60.000 Mitglieder, und das bei 57 Millionen Einwohnerinnen und
Einwohnern des Landes. Daneben gibt es zwar noch freie missionarische und
fundamentalistische Gruppen, vor allem pfingstlerische, aber die arbeiten kaum
mit den organisierten evangelischen Kirchen zusammen. Dabei ist Italien
eigentlich sogar die Wiege des Protestantismus. Schon dreihundert Jahre vor
Luther, zu Anfang des 13. Jahrhunderts, hatte sich nämlich in Norditalien mit
dem Waldensertum eine Alternative zum Katholizismus etabliert. Die aus
Frankreich eingewanderten Anhängerinnen und Anhänger der Armutsbewegung, die ein
Kaufmann namens Petrus Waldes in Lyon gegründet hatte, predigten schon damals
eine typisch protestantische Theologie: Studium der Bibel in der Volkssprache,
Kritik an der kirchlichen Hierarchie, Laienpredigt, und den Glauben an eine
direkte Beziehung zwischen Gläubigen und Gott, also den Verzicht auf die
Vermittlung durch einen geweihten Priester. Vor der Inquisition waren viele
Waldenserinnen und Waldenser aus Frankreich geflohen und hatten in Norditalien,
vor allem im Piemont und in der Lombardei, Aufnahme gefunden. Die politischen
Verhältnisse jener Zeit, den Streit zwischen Papst und Kaiser geschickt nutzend,
verdrängten sie in zahlreichen Städten und Dörfern die katholische Kirche als
offizielle Religion und etablierten sich selbst, mit eigenen Gottesdiensthäusern
und diakonischen Einrichtungen. Dieses goldene Zeitalter des Waldensertums
dauerte jedoch nur wenige Jahrzehnte. Die Inquisitionsgerichte - unterstützt von
den päpstlichen Armeen - sorgten für ein baldiges Ende dieses ersten
protestantischen Aufbegehrens. Hinrichtungen, Verfolgungen und Massaker ließen
die Waldenserbewegung auf ein kleines Häuflein Unbeirrbare zusammenschrumpfen,
die sich in den unzugänglichen Bergtälern der italienischen Alpen verschanzten
und auf bessere Zeiten warteten.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass sie bis heute überlebt haben. Und trotz ihrer
geringen Anzahl an Mitgliedern, von denen bis heute rund die Hälfte in den
ehemaligen Waldensertälern lebt, verfügt die Kirche über einen
gesellschaftlichen Einfluss, der ungleich größer ist, als es die unbedeutenden
Mitgliedszahlen vermuten lassen. Das liegt vor allem auch an der Unterstützung
durch die großen evangelischen Schwesterkirchen im Ausland, vor allem in
Deutschland und in der Schweiz. Sie schätzen diese älteste evangelische Kirche
Europas schon aus eigener Traditionspflege hoch und unterstützen sie finanziell
und ideell. Die waldensische und die methodistische Kirche, die seit 1975 eine
gemeinsame Kirchenleitung haben, betreiben eine theologische Fakultät in Rom mit
einer umfangreichen Bibliothek. Sie ist der einzige Ort in Italien, wo man
wissenschaftlich über den Protestantismus forschen kann und wird entsprechend
frequentiert. Kircheneigene Verlage und Publikationen erreichen eine
Öffentlichkeit, die weit über den Kreis der eigentlichen Mitglieder hinausgeht.
Und schließlich nimmt die waldensisch-methodistische Kirche immer wieder zu
aktuellen Fragen Stellung und bringt ihre eigenen Positionen durch
Vertreterinnen und Vertreter in politischen Gremien und Kommissionen zu Geh”ö.
Dabei tendiert sie deutlich nach links - von den sechs waldensischen
Abgeordneten im neuen Parlament zum Beispiel gehören fünf zum linken
sozialistisch-ökologischen Parteienbündnis der "Progressisti". Da sie von
staatlichen Zuschüssen völlig unabhängig sind, brauchen die Waldenserinnen und
Waldenser kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Gianni Rostan, seit einem Jahr im
Amt des Moderatore der waldensisch-methodistischen Kirchenleitung, der so
genannten "Tavola", und damit oberster Repräsentant der beiden Kirchen, versteht
die kritische Haltung gegenüber der Regierung Berlusconi nicht in erster Linie
als Politik, sondern als Konsequenz protestantischer Ethik.
“Jede Regierung hat das Recht und die Pflicht, das Land zu regieren und so
vertreten wir als italienische Staatsbürger unsere politischen Meinungen
unabhängig davon, was wir als Kirche darstellen. In diesem Sinn gibt es keine
einheitliche Position unserer Kirche zu dieser Regierung. Trotzdem kann man
sagen, dass wir heute die Regierung Berlusconi, ebenso wie andere Regierungen
früher, in den Bereichen kritisieren, wo ihre Haltung der protestantischen Ethik
widerspricht. Ein Beispiel dafür ist der Schutz der Minderheiten, der für uns
sehr wichtig ist und wir sehen eben, dass diese Regierung die politischen
Minderheiten missachtet. Wir sind ausserdem der Meinung, dass ethische
Positionen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Zum Beispiel alles was die
Vermischung von privaten und öffentlichen Interessen angeht. Es ist unsere
Pflicht, in diesen Bereichen alternative Positionen vorzustellen zu denen, die
heute in Italien Mehrheitsmeinung sind. Und das tun wir ausdrücklich als
Protestanten, für uns ist das eine eindeutig protestantische Position.“
Die Kritikpunkte der Waldenserkirche an der Regierungskoalition unter Berlusconi
sind die gleichen, wie sie auch von anderen oppositionellen Kräften vorgebracht
werden: Finanzielle Sanierung des Staatshaushaltes vor allem auf Kosten der
sozial Schwachen, Vermischung von persönlichen und privaten Interessen in der
Person des Privatunternehmers und Regierungschefs Berlusconi, die Beteiligung
der Neofaschisten an der Regierung, Missachtung der Rechte der Minderheiten und
restriktive Ausländerpolitik. Bei den Waldenserinnen und Waldensern mischt sich
in diese Kritik jedoch immer auch die Kritik an der ideologischen
Vormachtstellung des Katholizismus. Gianni Rostan hält etwa die Umstrukturierung
des staatlichen Fernsehens RAI für den Ausdruck einer typisch italienischen,
weil katholischen Mentalität - nämlich der Tendenz zur Zensur oppositionellen
Denkens. Berlusconi hatte die gesamte Führungsriege des staatlichen Fernsehens
durch regierungstreue Leute auswechseln lassen mit dem Argument, es gehe nicht
an, dass das Staatsfernsehen gegen die Interessen der Regierung berichte, denn
die repräsentiere ja schliesslich den Willen der Mehrheit des Volkes. Diese
Angst vor Andersdenkenden, vor Minderheiten, vor dem Nicht-Normalen, meint
Gianni Rostan, sei typisch katholisch und tief im italienischen Denken
verwurzelt.
Kritik an der Regierung und Kritik an der katholischen Kirche - das läuft für
die Waldenserinnen und Waldenser in Italien auf ein und dasselbe hinaus. Eine
Haltung, die angesichts der Geschichte nur allzu verständlich ist. Erst 1848
wurde - wenigstens in den Regionen Italiens, die nicht zum katholischen
Kirchenstaat gehörten - das Verbot anderer Gottesdienstformen aufgehoben und
damit auch die evangelischen Waldensergottesdienste toleriert. Aus Engand und
den USA kamen nun auch baptistische und methodistische Prediger ins Land und
versuchten, evangelische Gemeinden aufzubauen. Aber diese liberale Periode war
nicht von langer Dauer. Zwar war die Vormachtstellung des Katholizismus vor
allem nach der Abschaffung des Kirchenstaates im Jahr 1870 hart angeschlagen,
sie wurde jedoch schon wenige Jahrzehnte später unter dem Faschismus wieder neu
stabilisiert. Der Duce sah in den evangelischen "Sekten", wie er sie nannte,
eine Gefahr für's Vaterland. "Die religiöse Einheit ist eine der grossen Kräfte
eines Volkes", predigte Mussolini, "sie zu gefährden oder auch nur in Frage zu
stellen, ist gleichbedeutend mit einem Vergehen gegen die Nation." Mit dem
Konkordat und den Lateranvertr„gen gestand er der katholischen Kirche Rechte und
Privilegien zu, die in den modernen europ„ischen Staaten ihresgleichen suchen.
Evangelische galten nun nicht mehr nur als Abtrnnige vom rechten Glauben,
sondern als potentielle Staatsfeinde, ihre Gottesdienste und Versammlungen
wurden polizeilich berwacht, weitergehende Aktivit„ten, etwa auf diakonischem
oder p„dagogischem Gebiet, kurzerhand verboten.
Dabei ist es auch nach dem Ende des zweiten Weltkrieges geblieben. Die
katholisch-bürgerliche Partei der "Democrazia Cristiana", die 1948 die
Regierungsgeschäfte in Italien übernahm und sie bis zum Ende der sogenannten
"ersten Republik" in diesem Frühjahr auch nicht wieder hergab, hatte keinerlei
Interesse an einer religiösen Liberalisierung des Landes. Und auch ihre
politischen Gegenspieler von der kommunistischen Partei hatten andere Sorgen -
ohne grosse Diskussionen stimmten sie der Beibehaltung des Konkordats zu. Die
katholische Presse und die Politiker der "Democrazia Cristiana" führten die
Tradition Mussolinis fort, Evangelische als potentielle Staatsfeinde zu
diffamieren - ein gleichbleibender Vorwurf war zum Beispiel der, die
Waldenserkirche werde aus dem Ausland finanziert und habe in Italien selbst
eigentlich überhaupt keine Basis. Mit anderen Worten: Nur ein katholischer
Italiener ist ein guter Italiener. Antiprotestantische Kampagnen, Druck auf die
liberale Presse, die für die Minderheitsrechte der Evangelischen eintrat, das
Verbot evangelischer Werbung und Öffentlichkeitsarbeit - dies war die Atmosphäre
in Italien in den fünfziger Jahren. Viele Waldenserinnen und Waldenser empfanden
ihre Lage in dieser Zeit als noch schlimmer, als unter dem Faschismus. Noch bis
in die sechziger Jahre hinein kam es immer wieder vor, dass Polizeitruppen
evangelische Versammlungen auflösten und Pfarrbüros durchsuchten, dass Kommunen
evangelische Beerdigungen auf öffentlichen Friedhöfen verweigerten und
Aktivitäten der Kirchen durch bürokratische Schikanen behinderten.
Nach dem zweiten vatikanischen Konzil hat sich die Situation der Evangelischen
in Italien deutlich gebessert und sie werden immerhin als exotische
Randerscheinung toleriert. Dennoch kann von gleichen Rechten fr alle Religionen
und Konfessionen noch lange nicht die Rede sein. Der Religionsunterricht an den
Schulen ist grundsätzlich katholisch, erst Ende der siebziger Jahre konnte die
waldensische Kirche das Recht auf Befreiung vom Religionsunterricht durchsetzen.
Christentum wird in Italien nach wie vor mit Katholizismus gleichgesetzt, auch
weltlichen und liberalen Tageszeitungen ist jeder Schnupfen des Papstes noch
immer eine Schlagzeile auf der Titelseite wert. Ist der politische Wechsel in
Italien, das Ende der Herrschaft der katholischen Democrazia Cristiana nun eine
Gelegenheit für die Evangelischen, gleiche Rechte einzufordern? Sollen sie sich
am Rennen um einen Anteil aus den öffentlichen Geldtöpfen beteiligen, die
Einführung eines evangelischen Schulunterrichtes fordern und die Einrichtung
diakonischer Werke, Krankenhäuser und Kindergärten unter evangelischer Leitung,
finanziert aus öffentlichen Mitteln - etwa nach dem Vorbild der evangelischen
Kirche in Deutschland? Weit gefehlt. "Keine Privilegien für die Kirche", das ist
schon immer das Motto der evangelischen Kirchen in Italien, und dabei soll es
auch bleiben. Der Moderatore Gianni Rostan beschreibt, wie das Verh„ltnis von
Staat und Kirche geregelt sein sollte:
“ Wir haben in Italien zwei verschiedene Modi, wie dieses Verhältnis
organisiert werden kann: Das Konkordat zwischen katholischer Kirche und Staat,
durch das sich die Kirche durch den Staat gewisse Privilegien versichern lässt.
Wir als protestantische Kirchen haben einen anderen Weg gewählt, den einfacher
Übereinkünfte mit dem Staat, die die gegenseitigen Rechte und Pflichten regeln
und die Unabhängigkeit der kirchlichen Ordnungen anerkennen. Das bedeutet also,
dass wir keinerlei Privilegien für die Kirche fordern. Auswirkungen hat das zum
Beispiel auf die Finanzierung der Gefängnis- oder Krankenhauspfarrer, die bei
uns von der Kirche bezahlt werden, während im Fall der katholischen Kirche die
Militärpfarrer zum Beispiel vom Staat bezahlt werden. Diese Unterscheidung ist
klar und deutlich und wir beanspruchen, dass unsere Position moderner und vor
allem gerechter ist und deshalb bemühen wir uns, sie als Alternative zu den
traditionellen katholischen Positionen des Konkordats zu präsentieren.“
Die Behauptung der eigenen - vor allem finanziellen - Unabhängigkeit vom Staat
hat sich im italienischen Protestantismus als eine zentrale Gegenposition zur
katholischen Kirche herausgebildet - und das, obwohl sich viele waldensische und
methodistische Gemeinden aus Geldmangel noch nicht mal eine Pfarrerin oder einen
Pfarrer leisten können. Jüngstes Beispiel dafür sind die Diskussionen um ihre
Beteiligung an der Sozialsteuer. In Italien wird die Kirchensteuer, anders als
in Deutschland, nicht zusätzlich zur normalen Steuer bezahlt. Stattdessen müssen
alle Steuerzahler einen Anteil von 8 Promille ihres Einkommens als Sozialsteuer
abführen, können aber angeben, ob dieses Geld dem Staat, der katholischen Kirche
oder einer anderen Religionsgemeinschaft zukommen soll. Sechs Jahre lang
diskutierten die waldensisch-methodistischen Synoden und Gemeinden diese Frage,
bis sie sich im Sommer dieses Jahres zu einem "Ja -aber" durchgerungen haben. Ab
1995 haben damit die italienischen Steuerzahler erstmals die Möglichkeit, ihre
Sozialsteuer den evangelischen Kirchen zukommen zu lassen - aber die haben dafür
andere Modalitäten ausgehandelt, als sie auf katholischer Seite üblich sind. Die
waldensisch-methodistische Kirche will nur die Zahlungen derer annehmen, die
tatsächlich diese Option in ihrer Steuererklärung angekreuzt haben - während die
katholische Kirche auch den proportionalen Anteil derer einstreicht, die gar
kein Kreuzchen gemacht haben. Ausserdem sind die Einkünfte streng zweckgebunden
zu investieren, also in soziale und diakonische Einrichtungen, die allen
Italienerinnen und Italienern offen stehen. Neue Pfarrerinnen und Pfarrer können
daher auch von diesem Geld nicht eingestellt werden. Trotz dieser
Einschränkungen ist die Entscheidung in den Gemeinden nicht unumstritten. Denn
eine weitere waldensische Grundüberzeugung besagt, dass soziale Arbeit nicht zu
den Aufgaben einer Kirche gehört, sondern allein vom Staat zu gewährleisten ist.
Was aber, wenn der Staat seine sozialen Aufgaben zunehmend vernachlässigt? Die
sozialpolitische Radikalkur, die die neue Regierung Berlusconi zur Sanierung des
Staatshaushaltes angekündigt hat, trug hier sicher zur Entscheidungsfindung bei.
Auch nach innen, hinsichtlich der eigenen Kirchenorganisation, praktizieren die
Waldenserinnen und Waldenser ein weitaus radikaleres Protestantentum, als es
etwa in der grossen evangelischen Volkskirche in Deutschland üblich ist. Wer
hier Pfarrerin oder Pfarrer wird, tut das aus Idealismus und keineswegs aus
Karrieregründen. Nicht nur ist das Gehalt von rund 2000 Mark monatlich
keineswegs üppig - auch die Professoren an der waldensischen Fakultät müssen
sich übrigens mit diesem Einkommen zufriedengeben - der Priesterstand ebnet hier
zudem keineswegs den Weg zu innerkirchlichen Machtpositionen. Die Stellung der
Laiinnen und Laien ist in der waldensischen Kirche unvergleichlich höher, als in
anderen protestantischen Kirchen. Anders als zum Beispiel in der evangelischen
Kirche in Deutschland stehen ihnen ausnahmslos alle Ämter in der Kirchenleitung
offen. Dass das nicht nur auf dem Papier so ist, hat sich gezeigt, als mit
Gianni Rostan erstmals ein Laie in das Amt des Moderatore, also des obersten
Kirchenrepräsentanten gewählt wurde. Die waldensische Kirche gehörte auch zu den
ersten, die das Priesteramt für Frauen einführte, schon Anfang der 60er Jahre.
Pfarrerin Maria Bonafede:
“In der waldensischen Kirche haben die Frauen die Möglichkeit, das
Priesteramt zu gleichen Bedingungen auszuüben, wie die Männer, und diese
Entscheidung ist inzwischen dreissig Jahre alt. Die Zulassung von Frauen zum
Priesteramt ist eine sehr wichtige Entscheidung gewesen, auch weil sie eine
Praxis wiedereingeführt hat, die es in der mittelalterlichen Waldenserbewegung
bereits gegeben hat und die in den folgenden Jahrhunderten dann verloren
gegangen ist. Auch in den Führungsgremien der Kirche sind Frauen wie Männer
vertreten, sowohl im zentralen Exekutivgremium, der Tavola Valdese, als auch in
den regionalen Versammlungen. Das heisst natürlich noch nicht, dass im
Alltagsleben der waldensischen Familien und auch in den Gemeinden diese
Gleichheit von Männern und Frauen ein für alle Mal erreicht wäre, da gibt es
noch viel zu tun, sowohl auf dem Gebet des Predigens, als auch in
wissenschaftlichen Studien, damit diese gleiche Würde von Männern und Frauen
dann auch wirklich im Alltagsleben umgesetzt wird.“
Dass die formale Gleichstellung von Frauen allein auch nach dreissigjähriger
Praxis und in einer kleinen und flexiblen Kirche nicht zu einer wirklichen
Gleichstellung führt, zeigt sich darin, dass der prozentuale Anteil von Frauen
in Leitungsämtern in der Waldenserkirche nicht höher ist, als in den grossen
evangelischen Volkskirchen. In der Kirchenleitung stehen zwei Frauen fünf
Männern gegenüber, der Anteil der Pfarrerinnen liegt bei rund 15 Prozent. Doch
schon allein die formale Gleichstellung von Frauen und Männern in der
Waldenserkirche wirkt im klassischen Macho-Land Italien noch äusserst exotisch.
Angesichts des kompromisslosen Kurses der katholischen Kirche unter ihrem
derzeitigen Papst, nicht nur was die Stellung der Frauen angeht, sondern
hinsichtlich der Sexual- und Familienmoral generell, werden die waldensischen
Gemeinden zunehmend auch für katholische Menschen attraktiv, die die Positionen
ihrer eigenen Kirche als unzeitgemäss empfinden und mit ihren pseudomoralischen
Anforderungen nicht zurechtkommen. Eine Tendenz, die sich vor allem im letzten
Jahr, nach dem definitiven Nein des Papstes zur Frauenordination und dem
Ausschluss von geschiedenen Wiederverheirateten von der Kommunion, verstärkt
bemerkbar macht. Maria Bonafede:
“In letzter Zeit sind viele zu uns gekommen, zum Beispiel Homosexuelle oder
Menschen mit familiären Problemen oder Geschiedene, die sich den evangelischen
Kirchen annähern über diese Probleme. Das ist die Erfahrung dieses letzten
Jahres. Wir wollen natürlich nicht, dass die Leuten nur deshalb zu uns kommen,
aber es gibt zur Zeit diese Strömung, Menschen, die sich uns annähern, weil sie
mit den beschränkten Positionen der katholischen Kirche über ihr sexuelles Leben
oder ihre persönliche Identität, wie im Fall der Homosexuellen, nicht mehr
zurechtkommen.„
Mit ihrem Protest gegen konservative Kirchenideologie und wirtschaftspolitische
Radikalkuren auf Kosten der sozial Schwachen nehmen die Waldenserinnen und
Waldenser teil an einer breiten gesellschaftlichen Oppositionsbewegung, die in
den letzten Wochen immer stärker wird und vielleicht sogar zum Sturz der
Regierung Berlusconi führen wird. Nach zwei Generalstreiks in nur fünf Wochen
und einer in der Geschichte Italiens beispiellosen Massendemonstration in Rom,
an der weit über eine Million Menschen teilgenommen haben, war die Regierung
bereits zu deutlichen Änderungen an ihren ursprünglichen Plänen zur Finanzreform
gezwungen. Hunderte von Schulen und Universitäten sind seit Wochen besetzt,
täglich demonstrieren in allen Regionen Italiens tausende von Menschen gegen die
verschiedensten Pläne und Vorhaben. Obwohl Berlusconi alle Hebel seiner
Medienmacht in Bewegung setzt, ist seine Popularität deutlich am Schwinden, kaum
noch jemand glaubt daran, dass er die volle Legislaturperiode unbeschadet
übersteht. Ob bei den immer wahrscheinlicher werdenden Neuwahlen jedoch das
sozialdemokratisch-ökologische Linksbündnis als Sieger hervorgeht, ist dennoch
fraglich. Denn die Stimmen, die Berlusconi verliert, sammelt derzeit zum Gutteil
die neofaschistische Alleanza Nazionale unter ihrem charismatischen und
sprachgewandten Führer Gianfranco Fini ein. Und immer lauter werden auch die
Stimmen, die sagen, ohne die katholische Kirche könne Italien eben nicht regiert
werden. Die Nachfolgepartei der katholischen Democrazia Cristiana, der Partito
Populare Italiano, marschiert nach Meinungsumfragen inzwischen wieder auf die
20-Prozent-Marke zu und ist von links wie von rechts als möglicher
Koalitionspartner heftig umworben. Dass für die unter der Hand bereits
angelaufenden Sondierungsgespräche aus dem Vatikan Anweisungen an den
Parteisekretär des PPI, Rocco Buttiglione, ergehen, wundert in Italien niemand.