Simone Weil ist weitaus weniger
bekannt als Hannah Arendt oder Simone de Beauvoir. Soweit ich es mitbekommen
habe, sind auch ihre Werke nicht aus Anlass des Jubiläums wieder neu aufgelegt
worden. Dabei ist sie eine hoch spannende Denkerin, allerdings auch sehr viel
schwieriger zu verstehen, weitaus kontroverser. Es gibt große
Meinungsunterschiede zwischen ihr und Beauvoir, aber auch zwischen ihr und
Arendt – und da wir ja die beiden schon so toll fanden, wird es spannend sein,
diese Kontroversen zu untersuchen, auch um zu fragen, wo wir denn eigentlich
stehen. Und gerade für religiöse Frauen ist das Denken von Weil hoch spannend,
weil sie sich aus politischem Engagement heraus mit spirituellen Themen
beschäftigt hat.
Ich werde es machen, wie beim
letzten Mal, anfangen mit einem ersten, biografischen Teil, und dann nach einer
Pause noch einmal genauer ihre Ideen anschauen.
Über Simone Weil gibt es biografisch
nicht so viele Auskünfte, wie über Beauvoir und Arendt, die ja beide lange
gelebt haben und als ältere Frauen selbst zur Interpretation ihres Lebens
beigetragen haben. Beauvoir hat sogar vier dicke Bände Memoiren geschrieben.
Simone Weil hingegen ist ja sehr
jung gestorben ist, mit nur 34 Jahren, und sie hat keine eigenen
Lebenserinnerungen hinterlassen. Sie wurde zudem später relativ stark von einer
katholischen Tradition vereinnahmt, die sie sozusagen zu einer Kronzeugin
gemacht haben, einer Art Heiligen, wogegen sie sich nicht wehren konnte, was sie
meiner Ansicht nach aber getan hätte. Auf ihr Verhältnis zur Kirche komme ich
noch, jedenfalls habe ich festgestellt, dass von den wenigen Biografien, die es
auf deutsch von ihr gibt, die meisten auch noch tendenziös und schlecht sind.
Zum Glück gibt es aber eine sehr gute Biografie, die allerdings erst letztes
Jahr auf deutsch erschienen ist, auf die ich mich auch hauptsächlich stütze. Sie
ist von Simone Pétrement geschrieben, einer Freundin von Simone Weil seit
Schulzeiten, auch eine Philosophin, und sie hat die Biografie auf Wunsch von
Simones Mutter geschrieben, Selma Weil. Die Biografie wurde zwar erst beendet,
nachdem Selma Weil bereits gestorben war, aber die Autorin hat sich die Autorin
auf das gestützt, was diese ihr von Simone erzählt hat, ebenso wie auf
Erinnerungen vieler Freundinnen und Freunde, die sie in den 50er Jahren befragt
hat. Die Biografie ist außerdem sehr sachlich und detailliert und akribisch.
Simone
Weil wird am 3. Februar 1909 in Paris geboren. Sie ist die Tochter von Selma
Reinherz und Bernard Weil. Beide Eltern sind jüdischer Herkunft, aber nur die
Großeltern väterlicherseits praktizierten die Religion, der Vater selbst jedoch
nicht. Es ist eine Familie des gebildeten, freidenkerischen Bürgertums. Bernard
Weil ist Arzt, Selma Weil interessiert sich ebenfalls für Medizin und arbeitet
in der Praxis mit. Die Ehe der Eltern war sehr glücklich, und ihre Eltern waren
für Simone ihr Leben lang ihre wichtigsten Bezugspersonen, sie haben sie oft
begleitet, die Ferien zusammen verbracht.
Sie hat einen drei Jahre älteren
Bruder, André, der von klein auf ein mathematisches Genie war und später auch
Mathematikprofessor wurde. Es ist eine sehr wissenschaftlich orientierte
Familie, daher kommt wohl Simones Interesse für Naturwissenschaften und für
Technik.
André und Simone hatten als Kinder alle Freiheit, sie durften immer das tun, was
sie interessierte. Zum Beispiel mochte Simone nicht nähen und die Eltern sorgten
dafür, dass sie vom Nähunterricht freigestellt wurde.
Sie studierte Philosophie und wurde
Lehrerin, 1931, mit 22 Jahren, nahm sie ihre erste Stelle auf.
Simone Weil konnte vielleicht auch
deshalb einen Hang zum Exzentrischen und Radikalen entwickeln, weil ihre Mutter
immer für sie sorgte. Zum Beispiel war Simone sehr mäkelig mit dem Essen, sie aß
nur absolut frische Sachen, und sobald Obst ein bisschen angedetscht war, hielt
sie es für ungenießbar. Gleichzeitig wollte sie aber keine Privilegien genießen,
was dann dazu führte, dass sie nichts aß. Ihre Mutter überredete dann zum
Beispiel Simones Mitbewohnerinnen, heimlich gute Zutaten zu kaufen. Oder sie
schmuggelte neue Kleidung in Simones Schrank, weil sie wusste, dass ihre Tochter
sich nichts kaufen würde. Oder sie brachte ihr Essen und sorgte dafür, dass
geheizt wurde. Auf diese Weise war es für Simone natürlich möglich, sich um
dergleichen nicht zu kümmern, ohne allzu sehr unter den Konsequenzen zu leiden.
Ihre
Familie nennt sie „die Trollin“, weil sie so ungeschickt ist und sich um
lebenspraktische Dinge nicht kümmert. Ihre Schülerinnen mögen sie, weil sie sie
guten Unterricht macht, versuchen sie aber auch zu schützen. Sie eckt auch in
der Schule an, indem sie sich etwa sehr nachlässig kleidet, aber ihre Eltern
nehmen sie dabei immer in Schutz.
Ihr „unweibliches“ Aussehen erwähnen
viele. Einer ihrer Freunde schreibt, sie habe immer ein ungepflegtes Äußeres
gehabt und hänge Tabak kauend in den Cafés herum, aber „nach zehn Minuten sieht
man sie nicht mehr. Man sieht nur noch ihre Seele, in der der das Feuer der
Gerechtigkeit lodert." (23) (Jacquier 2006, S. 23)
Die Nachlässigkeit ihrer Kleidung
schien durchaus etwas mit der Verweigerung typischer Frauenrollen zu tun zu
haben. So erinnert sich ihre Freundin, dass sie als Jugendliche in die Oper
wollten, und Simone darauf bestand, sich nicht etwa ein Abendkleid, sondern
einen Smoking schneidern zu lassen (was genauso teuer war wie ein Abendkleid).
Später trug sie immer dieselbe
Kleidung, dunkle Kleider, Strickpullover, bequeme Schuhe, immer dieselbe Frisur.
Es schien ihr einfach nicht wichtig zu sein, wie sie aussah, im Vergleich zu den
großen Problemen der Welt.
Was sie interessiert, ist das
Verhältnis zwischen denjenigen, die Macht ausüben, und denjenigen, die sie
erleiden, und auch zwischen "denen, die etwas zählen" und "denen, die nichts
zählen." Dabei war sie nicht an Theorien interessiert, sondern wollte sich immer
von allem ein eigenes Bild machen. Sie war darin in gewisser Weise Simone de
Beauvoir ähnlich, die ja auch dauernd auf Reisen war und in die Stadt ging, um
sich dort vom Leben inspirieren zu lassen, anders als Sartre, der von seinem
Schreibtisch aus arbeitete. Doch Beauvoir beschränkte sich weitgehend auf’s
Beobachten, während es Simone Weil auf das Mittun ankam. „Die Realität des
Lebens ist nicht die Empfindung, sondern die Tätigkeit.“
Sie setzte deshalb alles daran, die
Lebensrealität der unterschiedlichsten Menschen zu teilen, vor allem jener, „die
nichts zählen“, was natürlich nicht immer komplikationslos war. Einige Jahre
später würde sie deshalb ja auch in der Fabrik arbeiten, aber sie versuchte
auch, als Mann verkleidet, ins Bordell zu kommen, sie versuchte, als
Grubenarbeiterin eingestellt zu werden (was natürlich nicht ging), sie
besichtigte ein Kriegsschiff, um zu sehen, wie Matrosen und Soldaten leben, sie
reiste grundsätzlich in der dritten Klasse. Wenn sie einen Bauer sah, der einen
Pflug führte, überredete sie ihn, sie auch einmal dran zu lassen, was den Bauern
meistens nicht gefiel, weil der Pflug dann umfiel oder sonst was. Jedenfalls
nutzte Simone Weil jede Gelegenheit, um das Leben von „anderen“ Menschen zu
teilen. Später auf der Flucht nach USA versucht sie beim Zwischenstopp in
Casablanca, in eine Moschee zu kommen, was ihr nicht gelingt, in New York
besucht sie Kirchen schwarzer Gemeinden und so weiter.
Die größte Freude empfindet sie,
wenn sie Kontakt mit anderen Menschen bekommt, ohne dass Unterschiede wie
Geschlecht, Hautfarbe, Klasse eine Rolle spielen.
Das Problem dabei war nur, dass sie
sich bei vielen Dingen ziemlich ungeschickt anstellte. Sie hatte sozusagen „zwei
linke Hände“, auch das mit der Hand schreiben fiel ihr schwer, Sie war
körperlich nicht stark, versuchte das alles aber durch Willensstärke
auszugleichen.
Anschaulich wird das vielleicht
durch diese Geschichte. 1932 war sie im Skiurlaub, und während die anderen
längst im Café saßen, sah man Simone den ganzen Nachmittag lang immer wieder den
Skihang hoch steigen. Sie stieg dort, wo er am steilsten war, geradewegs auf und
nicht wie die anderen schräg und in Spitzkehren. Bei jedem Schritt setzte sie
den oberen Ski senkrecht zum unteren, ein mühseliges Vorgehen. Sobald sie oben
angelangt war, suchte sie im Abrutschen hinunter zu kommen und fiel jedes Mal
hin. Sie stand sofort wieder auf und begann von neuem. Madame A., die ihr mit
den Blicken folgte, sagte: welch ein Wille! Welch ein Wille! (Pétrement 2007, S.
204)
Diese Art von Radikalität legte sie
auch bei politischen Aktionen an den Tag, womit sie anderen auch Angst
einflößte. Ihre Schülerinnen schwankten zwischen Furcht und Bewunderung, schon
als Studentin war sie gefürchtet, wenn sie Unterschriften für Petitionen
sammelte und keine Ausreden gelten ließ.
Simone de Beauvoir hat sie während
des Studiums kennen gelernt und schreibt darüber in ihren Memoiren „Sie
interessierte mich wegen des großen Rufes der Gescheitheit, den sie genoss, und
wegen ihrer bizarren Aufmachung; ... eine große Hungersnot hatte China
heimgesucht, und man hatte mir erzählt, dass sie bei Bekanntgabe dieser
Nachricht in Schluchzen ausgebrochen sei: diese Tränen zwangen mir noch mehr
Achtung für sie ab als ihre Begabung in Philosophie. Ich beneidete sie um ein
Herz, das imstande war, für den ganzen Erdkreis zu schlagen. Eines Tages gelang
es mir, ihre Bekanntschaft zu machen. Ich weiß nicht, wie wir damals ins
Gespräch gekommen sind; sie erklärte in schneidenden Tone, dass eine einzige
Sache heute auf Erden zähle: eine Revolution, die allen Menschen zu essen geben
würde. In nicht weniger peremptorischer Weise wendete sie dagegen ein, das
Problem bestehe nicht darin, Menschen glücklich zu machen, sondern für ihre
Existenz einen Sinn zu finden. Sie blickte mich fest an: 'Man sieht, dass sie
noch niemals Hunger gelitten haben', sagte sie. Damit war unsere Beziehung auch
schon wieder zu Ende. Ich begriff, dass sie mich unter die Rubrik ‚geistig
ehrgeizige kleine Bourgeoise' eingereiht hatte.“ (Memoiren einer Tochter aus
gutem Hause, S. 229) (Pétrement 2007, S. 82f)
Während
ihrer Zeit als Lehrerin sucht sie Anschluss an die Arbeiterbewegung. Sie nimmt
in den Städten, in denen sie eingesetzt ist, an Streiks teil und an Aktionen von
Arbeitslosen und beteiligt sich an anarchistischen Diskussionsgruppen. Sie wird
dafür zeitweise inhaftiert, die Zeitungen berichten groß über diese merkwürdige
Lehrerin, die bei den Arbeitslosen-Demos in der ersten Reihe marschiert.
Außerdem schadet es natürlich auch ihrer Reputation als Lehrerin. Sie verbindet
immer die theoretische Arbeit mit dem praktischen, das heißt, sie gibt den
Leuten zu essen, schenkt ihnen ihre Kleidung, sie versucht alles, um die
Klassenschranken, die sie trennen, zu überwinden. Sie erregt weniger durch ihre
sozialistischen Artikel und Aufsätze Anstoß als durch ihr Verhalten, dass sie
mit Arbeitern ins Café geht… Aber die Eltern unterstützen sie.
Sie schließt sich den Anarchisten
und nicht den Kommunisten an, weil es diejenige Strömung ist, die eine sehr
eigenständige und unabhängige Arbeiterkultur aufrechterhält und dabei einen
starken Antiautoritarismus sowie ein proletarisches Milieu entwickelt….
Trotzdem liest sie auch öffentlich kommunistische Zeitungen, weil sie sich zur
Arbeiterbewegung „bekennen“ möchte.
Sie interessierte sich gleichermaßen
auch für das Unglück anderswo. Eines ihrer Hauptthemen war der Kolonialismus,
sie litt sehr darunter, Staatsbürgerin eines Landes zu sein, das andere Völker
unterdrückte. Sie warnte schon damals vor dem islamischen Nationalismus, zu dem
diese Hegemonie-Politik Frankreichs führte. Sie war nicht für die nationale
Unabhängigkeit der Kolonien, weil sie fand, es gebe ohnehin zu viele Nationen,
sondern für ihre kulturelle Eigenständigkeit. Sie fand es schlimm, wie
Frankreich anderen Völkern seine kulturelle Hegemonie aufdränge, in den Schulen
westliche Geschichte lehrte, von den Leuten verlangte, dass sie französisch
sprechen statt ihre Muttersprache. Dieser Kulturimperialismus führte ihrer
Ansicht nach zu einer Entwurzelung der Menschen, zu große Unglück und vor allem
zu einem großen Konfliktpotenzial (gerade diesen Teil finde ich bei ihr sehr
prophetisch, da das Thema Kolonialismus damals in der Linken gar keine Rolle
spielte und auch später in den 70er 80er Jahren es aus meiner Sicht vorwiegend
um nationalpolitische oder ökonomische Fragen ging, nicht aber um solche
kulturellen).
Anders als Beauvoir und Sartre, die
sich erst sehr spät mit der faschistischen Bedrohung beschäftigt haben, ist auch
der Aufstieg des Nationalsozialismus für Simone Weil schon lange vor 1933 ein
wichtiges Thema. Das liegt vor allem an ihrer Verbindung zur Arbeiterbewegung,
denn der Kampf gegen den Marxismus war anfangs das Hauptanliegen der Nazis, es
ging Hitler vor allem darum, eine „nationale“ sozialistische Alternative
aufzubauen um die internationale Arbeiterbewegung zu bekämpfen, und die meisten
Bürgerlichen waren in dieser Hinsicht durchaus mit ihm einig.
Die Sommerferien 1932 nutzt Simone
Weil zu einer Reise nach Deutschland, sie ist vor allem in Berlin, und was sie
interessiert ist die Frage, inwieweit die Arbeiterbewegung den aufstrebenden
Nazis etwas entgegensetzen kann. Deren Hauptaktionspunkt waren damals ja
Straßenschlachten gegen die Kommunisten.
Sie entwickelt schon damals die
These, dass die Art und Weise der Produktionsbedingungen ein Grund dafür ist,
dass die Arbeiter sich nicht politisch artikulieren können. Ihre These ist, dass
die Arbeiter, die ihre handwerklichen Fähigkeiten verloren haben und nur noch
ein Anhängsel der Maschine sind, nicht die geistige Freiheit und
Selbstständigkeit haben, die sie bräuchten, um den Nazis eine eigene Kultur
entgegen zu stellen.
Die deutschen Gewerkschaften
kritisiert sie, weil sie zu Organisationen der Besitzstandswahrung geworden
sind, und die kommunistische Partei, weil sie ebenfalls nicht kulturell, sondern
staatspolitisch denken, nämlich im Sinne einer Loyalität mit Russland gegen die
„kapitalistischen“ Länder.
Simone Weil hingegen sieht schon
damals die großen Ähnlichkeiten zwischen den Staatssystemen in Deutschland und
in Russland. In einem viel beachteten Artikel schreibt sie im August 1933, dass
die kapitalistische Unterdrückung nicht, wie Marx glaubte, die letzte Form der
Unterdrückung ist, sondern dass sie gegenwärtig von einer neuen Epoche abgelöst
wird, nämlich der Unterdrückung im Namen der Funktionen, der Organisation und
der Bürokratie – und darin sind sich Nazi-Deutschland und Sowjet-Russland
ähnlich. Der einzelne Arbeiter muss sich dem Höheren des nationalen Anliegens
unterordnen. Simone Weil wollte sich auch von den Verhältnissen in Russland mit
eigenen Augen informieren, aber sie bekommt keine Einreiseerlaubnis.
Sie teilt daher auch nicht die
Meinung der meisten Linken in ihrer Zeit, dass der Nationalsozialismus vor allem
ein deutsches Problem sei. Sie wendet sich gegen anti-deutsche Propaganda, denn
sie ist davon überzeugt, dass Hitler nur auf radikalste Weise dieses Prinzip des
modernen Industriestaats verkörpert, der in Form der Bürokratie herrscht und das
Individuum unterjocht, das sich auch in Russland und in Ansätzen auch in
Frankreich usw. zeigt.
Gleichzeitig entsteht schon damals
ihr großer Pessimismus, für den sie in der Arbeiterbewegung stark kritisiert
wird. Sie glaubt nicht, dass es gelingen wird, den Aufstieg Hitlers abzuwenden,
weil sie keine Hoffnungen auf eine Allianz mit Russland setzt. Viele Linke
hoffen damals, Frankreich und Russland könnten sich gegen Deutschland verbünden,
was für Simone Weil keine Lösung ist, weil sie erstens Krieg für das
Schrecklichste überhaupt hält und zweitens sich von Russland nichts erhofft.
Später wird dann ja auch Stalin erst einmal mit Hitler einen Pakt eingehen.
Ihr Pessimismus im Hinblick auf die
Möglichkeiten der Arbeiterbewegung führt sie dazu, sich aus der aktiven Politik
zurückzuziehen. Sie schreibt an Simone Petrement: "ich habe mich entschieden,
mich völlig aus jeder Art von Politik zurückzuziehen, außer aus der
theoretischen Forschung. Das schließt aber für mich die eventuelle Beteiligung
an einer großen spontanen Massenbewegung absolut nicht aus (im Glied, als
Soldat), aber ich will keinerlei Verantwortung, so geringfügig sie auch sein
möge, selbst keine mittelbare, denn ich bin mir sicher, dass alles Blut, das
vergossen werden wird, vergeblich vergossen wird und dass man im Voraus
geschlagen ist.“
Sie engagiert sich jetzt vor allem
in der konkreten Fluchthilfe für Sozialisten, die aus Deutschland kommen, und
zwar vor allem für solche, die nicht zur kommunistischen oder sozialistischen
Internationale gehören, die also nicht linientreu sind und daher von den
organisierten Parteien nicht unterstützt werden. Auch Trotzki lernt sie kennen,
im Haus ihrer Eltern gründet dieser mit Freunden die „IV. Internationale“. Es
gab heftige Diskussionen zwischen Simone und ihm, denn sei findet, dass er sich
nicht wirklich von den Fehlern Stalins distanziert.
Ihre These ist, dass das
Haupt-Übel nicht, wie die Kommunisten meinen, das Privateigentum an
Produktionsmitteln ist, sondern die Art und Weise der Arbeit in den Fabriken,
die den Einzelnen zum Rädchen im Getriebe machen und somit die Grundlage setzen
für die Unterordnung des Einzelnen unter eine staatliche Bürokratie. Das möchte
sie genauer untersuchen und lässt sich vom Schuldienst beurlauben, um vom
Dezember 1934 bis Sommer 1935 in der Fabrik zu arbeiten – allerdings mit großen
Unterbrechungen. Die Unterbrechungen kommen dadurch zustande, dass sie häufig
krank ist, insbesondere leidet sie unter Kopfschmerzattacken, die sie ihr ganzes
Leben nicht mehr los wird.
Sie führt über ihre Erlebnisse als
Fabrikarbeiterin genau Tagebuch, sie schreibt auf, wie die Arbeit an den
Maschinen sich auswirkt, sie beobachtet diese „Tötung des Geistes“ gewissermaßen
an sich selber. Sie beobachtet, dass die Arbeiter sich nur beschweren, aber sich
nicht wehren. Über soziale Fragen wird nicht diskutiert und nicht nachgedacht,
und aufgrund der Erschöpfung ist es auch nicht möglich. Sie beobachtet aber
auch, dass es anders sein kann, wenn etwa eine kleine Gruppe qualifizierter
Arbeiter eigenverantwortlich in einem bestimmten Bereich arbeitet.
Dieses
Selbstexperiment bestärkt sie in ihrem Pessimismus noch mehr. Sie glaubt nun
weder an die Möglichkeit einer Revolution noch an die einer Reform. Sie hat
beobachtet, dass die Arbeitsverhältnisse selbst die Unterwerfung der Menschen
hervorbringen und hat keine Idee, wie daraus eine Veränderung zum Positiven
entstehen kann.
Im Frühjahr 1936 gab es für die
europäischen Linken noch einmal eine gewisse Hoffnung. Im Februar 1936 gewinnt
eine linke Volksfront in Spanien die Wahlen, doch im Juli putschen die Generäle
unter Franco gegen die Regierung und es kommt zu Bürgerkrieg. In Frankreich gab
es zu dieser Zeit ebenfalls eine linke Regierung, und es stellte sich die Frage,
ob Frankreich Spanien militärisch zu Hilfe kommen soll. Die meisten Linken waren
dafür, Simone aber war absolut dagegen, denn für sie war Krieg das schlimmste
Übel, und zwar deshalb, weil dann Millionen junger Menschen gegen ihren Willen
geopfert werden. Sie selbst beschließt für sich jedoch sofort, nach Spanien zu
gehen. Nicht, weil sie glaubt, viel beitragen zu können, sondern weil sie es
nicht ertragen kann, nicht dabei zu sein. An ihre Freundin schreibt sie
selbstironisch: „Zum Glück bin ich so kurzsichtig, dass ich nicht Gefahr laufe,
Menschen zu töten, selbst wenn ich auf sie schieße.“
Sie reist am 8. August 1936 nach
Spanien ein und schließt sich den internationalen Brigaden an. Die sind
allerdings nicht sonderlich froh über die eher ungeschickte Kämpferin, die aber
trotzdem darauf besteht, immer an vorderster Front zu sein. Ihr Einsatz dauert
auch nicht lange, denn schon am 19. August hat sie einen Unfall. Sie tritt
versehentlich in einen Topf mit siedendem Öl und verbrennt sich sehr schlimm den
Fuß. Sie muss zurück nach Barcelona gebracht werden, wo ihre Eltern, die ihr
nach Spanien nachgereist sind, sie schon erwarten. Der Unfall rettet ihr das
Leben, denn wenige Tage später gerät ihre Gruppe – zu der außer ihr noch viele
andere Frauen gehörten – in einen Kampf, bei dem alle getötet werden.
Ihr Erlebnis in Spanien hat sie noch
weiter desillusioniert. Sie hat beobachtet, wie sich im Kampf auch unter den
Anarchisten Brutalität breit machen, wie darüber geprahlt wird, wie viele
Priester oder Faschisten man heute wieder getötet hat und so weiter. Das
bestärkt sie in ihrer Meinung, dass nicht die Richtigkeit der Ideale, sondern
die reale Lebensrealität die größere Bedeutung für das konkrete Handeln hat. Sie
beobachtet, wie sich auch unter den Kämpfern für eine gute Sache eine Atmosphäre
der Menschenverachtung ausbreitet, und vor allem beobachtet sie, dass die
Aufteilung in „diejenigen, die etwas zählen“ und „diejenigen, die nichts zählen“
beibehalten wird, etwa in den Dörfern, die von den anarchistischen Brigaden
besetzt sind.
Trotzdem bleibt sie auch nach ihrer
Rückkehr nach Frankreich solidarisch, läuft in den Anzügen der spanischen
Anarchistengewerkschaft herum und beteiligt sich an Demonstrationen.
Simone interessiert sich inzwischen
sehr für Religion und vor allem für das katholische Christentum, weil sie im
Leiden Christi sozusagen den reinsten Ausdruck des Mitleidens mit den
Unterdrückten sieht. Sie bereist Klöster in Italien, nimmt an Messen teil, hat
Christuserscheinungen. In der Regel wird hier ein Bruch in Weils Leben
diagnostiziert: Erst war sie Anarchistin und Revolutionärin, dann wurde sie
Christin und Mystikerin. Ich sehe diesen Bruch nicht, denn mir erscheint diese
Entwicklung ziemlich logisch.
Was
Simone Weil an der Religion interessiert, das ist die Möglichkeit einer
Lebenshaltung angesichts eines Unglücks, das nicht zu beheben zu sein scheint.
Sie interessiert sich für Gott, weil das sozusagen die einzige Hoffnung ist, die
bleibt, wenn man ihre Analyse der politischen Verhältnisse zu Ende denkt, die
keine Hoffnung mehr bereit halten. Wenn es keine Hoffnung gibt, dass die
Menschen von sich aus das Gute finden und entdecken (und das ist der große
Unterschied zwischen ihr und Simone Beauvoir, aber in gewisser Weise auch
zwischen Ihr und Arendt), dann bleibt nur die Hoffnung, dass es das Gute, die
Wahrheit, jenseits der menschlichen, irdischen Welt gibt. Darüber können wir im
2. Teil noch sprechen.
Simone Weil glaubt aber nicht, dass
nur die christliche Religion dieses Wahre kennt, sondern sie entdeckt es in
allen möglichen philosophischen Denkrichtungen, von Platon über altägyptische
Volksmythen, vor allem bei den Katharern, im Buddhismus, im Taoismus und eben
auch im Christentum. Die Worte Gott, Christus und Krishna benutzt sie in ihren
Briefen sozusagen synonym. Sie glaubt, dass diese philosophisch-spirituellen
Traditionen jede auf ihre Weise einen Blick auf das Wahre, auf Gott
bereithalten, und zwar auch in langen Zeiten der Düsternis auf der Welt.
Sie reist aber auch nach Italien, um
dort den Faschismus kennen zu lernen, sie will wissen, was die Menschen daran
interessiert und fasziniert. Über ihre politischen Ideen und Reisebeobachtungen
schreibt sie viele Artikel in linken Zeitschriften, und sie hat inzwischen
durchaus eine gewisse Berühmtheit als scharfsinnige, originelle und
unkonventionelle Denkerin erlangt. Über ihre Hinwendung zum Christentum und ihre
spirituellen Überlegungen schreibt sie nur in ihren Notizbüchern, ihre Umgebung,
selbst ihre Eltern, merken von dieser Veränderung erst einmal nichts.
Simone
Weil bleibt lange Pazifistin, sie ist sehr lange für Verhandlungen mit
Hitler-Deutschland. Erst Anfang 1939 gibt sie sich gewissermaßen geschlagen und
gesteht zu, dass Hitler anders als mit einem Krieg nicht zu stoppen ist.
Was ihr dabei am meisten
Kopfzerbrechen bereitet ist, dass sie auf Seiten Frankreichs nicht jene
moralische Reinheit findet, die ihrer Ansicht nach nötig ist, um Hitler wirklich
etwas entgegenzusetzen, da Frankreich in Bezug auf die Kolonien ebenfalls eine
unmenschliche Politik betreibt. Ein Krieg ist ihrer Ansicht nach wenn überhaupt,
dann nur dann zu rechtfertigen, wenn er aus ganz und gar reinen und lauteren
Motiven geführt wird, und in dieser Rolle sieht sie Frankreich, das selbst ein
imperialistisches Reich ist, nicht.
Sie versucht, dieses Dilemma zu
lösen, indem sie ein Projekt entwickelt, das sie in den nächsten Jahren
verfolgen wird. Und zwar schlägt sie vor, Frontkrankenschwestern auszubilden und
auf die Schlachtfelder zu schicken, um einen Gegenpunkt gegen jene Atmosphäre
der Unmenschlichkeit zu schaffen. Sie schreibt: "Die simple Anwesenheit einiger
Posten der Menschlichkeit am Zentrum des Kampfes, auf dem Höhepunkt der
Schlächterei, wäre eine schlagende Herausforderung an diese Schlächterei... der
Mut dieser nicht bewaffneten Frauen, die nicht so sehr "erhitzt sind vom willen
zu töten", sei sogar noch größer als derjenige der standardisierten SS Jugend.
Die Anwesenheit dieses "weiblichen Korps" werden " auf neue und unerwartete
Weise ausdrücken, wie weit auf unserer Seite moralische Ressourcen und
Entschlossenheit reichen."
Das Projekt findet keine
Unterstützung. Von nun an wird Simone Weil darunter leiden, dass man sie für
scharfsinnig und klug hält, aber ihre Vorschläge im Allgemeinen für
unpraktikabel und nicht strategisch umsetzbar. Man gibt ihr sozusagen auf einer
theoretischen, philosophischen Ebene recht, handelt dann aber aufgrund
pragmatischer Erwägungen doch anders. Sie findet das unerträglich und fühlt sich
umso mehr gedrängt, immer ganz konsequent das zu tun, was sie für theoretisch
richtig hält.
Zum Beispiel weigert sie sich,
irgendwelche Vorteile in Anspruch zu nehmen. Es gibt nun
Lebensmittelrationierungen, und so isst sie nicht mehr, als ihr zusteht, selbst
dann nicht, wenn sie irgendwo zu Besuch ist. Sie weigert sich auch, irgendwo
Schlange zu sehen, um an Lebensmittel zu kommen. Allerdings ist sie dabei nicht
so ganz konsequent: Sie ist eine starke Raucherin, und um an Zigaretten zu
kommen, geht sie durchaus Schlange stehen und sie akzeptiert sie auch als
Geschenk.
Im Juni 1940 flieht sie vor den
einrückenden Nazis nach Südfrankreich. In Marseille macht sie 1941 die
Bekanntschaft mit Pater Jean-Marie Perrin, den sie über den Katholizismus
ausfragt. Sie würde sich gerne taufen lassen, entscheidet sich aber dagegen,
weil sie findet, dass ihr Denken mit den kirchlichen Dogmen nicht vereinbar sei
und dass ein Priester, der sie taufen würde, sozusagen sich versündigen würde.
Darauf komme ich auch im zweiten Teil noch einmal zu sprechen.
Die knapp zwei Jahre in
Südfrankreich verbringt sie sozusagen mit spirituellen Studien, aber sie
arbeitet auch einige Monate als Landarbeiterin, was ihr sehr gut gefällt.
Im Mai 1942 schifft sie sich mit
ihren Eltern nach New York ein, wo sie, nach einem Zwischenstopp in Casablanca,
im Juli eintrifft. Ihr Bruder André lebte schon dort mit seiner Frau und einer
kleinen Tochter, er war inzwischen ein bekannter Mathematiker.
Doch schon im November verlässt
Simone Weil New York wieder in Richtung England, weil sie es nicht ertragen
kann, fernab vom Geschehen in Europa zu sein. In England schließt sie sich der
französischen Exilregierung um de Gaulle an und verfasst für sie politische
Texte. Wieder und wieder verlangt sie, zu einem Einsatz nach Frankreich
geschickt zu werden, aber man hält sie für zu ungeschickt. Sie leidet darunter,
dass andere geschickt werden, durchaus auch Frauen. Auch ihr
Krankenschwestern-Projekt versucht sie, umzusetzen, aber das hält man für
unpraktikabel.
Sie
leidet sehr an dieser erzwungenen Untätigkeit. Sie kompensiert, in dem sie viel
schreibt, vor allem ihr Buch „Die Einwurzelung“, eigentlich das einzige
zusammenhängende Buch, entsteht in diesen Monaten in London.
Im Frühjahr 1943 erkrankt sie an
Lungentuberkulose und kommt ins Krankenhaus, am 24. August stirbt sie. Die
Umstände ihres Todes sind einigermaßen mysteriös, weil man eigentlich gar nicht
genau weiß, warum sie gestorben ist. Ihre Ärztin meint jedenfalls, sie sei nicht
an der Tuberkulose gestorben, die war fast ausgeheilt. Letztlich ist sie in
Folge von Unterernährung gestorben. Vielleicht war sie tatsächlich magersüchtig,
vielleicht in Verbindung mit einer Depression aufgrund der von ihre als so
schlimm empfundenen Untätigkeit. Offenbar kam sie aber auch mit dem englischen
Essen nicht zurecht (sie mochte Kartoffelbrei zum Beispiel nur, wenn er auf
französische Art zubereitet war, sie war noch immer „mäkelig“ beim Essen).
Möglicherweise hatte sie auch eine Milchunverträglichkeit, was jetzt schwierig
war, weil es kaum Fleisch gab, zudem lehnte sie eben jede Extrawurst ab.
Wahrscheinlich war es eine Mischung aus allem zusammen.
Wahrscheinlich hätte ihr das nicht gefallen, dass wir uns so lange mit ihrer
Biografie aufhalten, Simone Weil hätte wohl gewollt, dass wir gleich mit ihren
Texten und Ideen anfangen. Es hat sie immer geärgert, wenn die Leute über sie
und ihr Leben sprachen und ihre große Intelligenz, anstatt die einzige Frage zu
stellen, die Simone Weil interessierte: "Ist das, was sie sagt, wahr oder
nicht?" (Pétrement 2007, S. 9)
Die hauptsächliche Besonderheit im
Denken von Simone Weil ist, dass sie – noch mehr als andere Denkerinnen – quer
steht zu den herkömmlichen Kategorien der Ideengeschichte. Dies hat immer zu
großen Irritationen geführt, und ihr so genannter „Wandel“ von der
Sozialrevolutionärin zur christlichen, sogar dezidiert katholischen Mystikerin
war sozusagen nur der sichtbarste Bruch, weil ja diese beiden Haltungen im
allgemeinen Denken als unvereinbar galten. Sie gelten es heute aufgrund der
feministisch-theologischen Tradition schon nicht mehr, weil uns der Gedanke,
dass Mystik und Widerstand zusammengehören, inzwischen vertraut ist, denken wir
nur an Dorothee Sölle.
Aber in ihrer Zeit und auch noch in
den fünfziger und sechziger Jahren nahm man das als „Bruch“ wahr, und zwar auf
beiden Seiten – die katholischen Männer bejubelten ihre „Bekehrung“, während die
sozialistischen Männer sich über diesen „Verrat“ ärgerten. Sie selbst hat das
wahrscheinlich auch schon befürchtet und daher eigentlich über ihre
Spiritualität kaum geschrieben, sogar viele Leute, die sie in ihren späteren
Lebensjahren kannten, wussten gar nichts davon, das ist sozusagen erst nach
ihrem Tod und mit der Veröffentlichung ihrer Notizbücher „herausgekommen“.
Jedenfalls halte ich es für falsch,
die verschiedenen Lebensphasen von Simone Weil einander gegenüber zu stellen.
Sie ist nur wieder mal ein Beispiel dafür, dass Frauen mit ihren Ideen sehr oft
quer zu den politischen Strömungen der männlichen Ideengeschichte stehen.
Ihr Denken ist aber so komplex, dass
es mir unmöglich ist, es in seiner ganzen Tiefe bei so einer Veranstaltung
vorzustellen. Ich habe mir überlegt, ob wir nicht vielleicht im Laufe des Jahres
noch einmal einen Lektürekurs oder einen Workshop dazu machen sollen, wenn es
einige von Ihnen interessiert. Ich möchte hier nur exemplarisch einige Punkte
herausgreifen, die mir besonders interessant erscheinen, und an denen deutlich
wird, wie anders ihre Herangehensweise an Themen ist, die auch uns vertraut
sind, und wie herausfordernd.
Das Unglück und die Notwendigkeit
des Anwesend Seins
Das wichtigste Thema für Simone Weil
war die Frage, wie dem menschlichen Unglück begegnet werden kann und die
Hauptursache des Unglücks die Tatsache, dass die Menschheit unterteilt ist in
„die, die etwas zählen“ und „die, die nichts zählen“.
Ein wichtiger Punkt ist dabei ihre
Auffassung, dass die Philosophie immer etwas „kontextuelles“ ist, würden wir
heute sagen, dass es also keine allgemeinen Systeme geben kann, die dieses
Problem des Unglücks auf der Welt lösen können, sondern immer nur eine konkrete
Antwort in dem Augenblick, die ein Zusammen aus Denken und Handeln sein muss.
Beeinflusst war sie dabei von ihrem
Philosophielehrer Emile-August Chartier, der unter dem Namen „Alain“ bekannt
war, und der ein Gegner jedes abgeschlossenen philosophischen Systems war. Von
ihm übernahm sie die Ansicht, dass philosophische Wahrheiten nur in einem
bestimmen Kontext entstehen, dass sie immer untrennbar mit dem eigenen Handeln
verbunden sind, dass es sozusagen keine Ideen gibt, die unabhängig sind von dem
oder der, die sie denkt.
Daher war sie auch nicht der Meinung
vieler Philosophen, auch des Existenzialismus zum Beispiel, dass es möglich ist,
sich durch Denken aus einer unterdrückten Lage zu befreien. Sie war nämlich
nicht der Meinung, dass es zwischen Denken und Leben einen Widerspruch gibt in
dem Sinne, dass das Denken das Leben beeinflusst. Sondern sie war der Meinung,
dass auch im Bereich des Denkens sozusagen „Naturgesetze“ bestehen und dass man
dem Gesetz der Schwerkraft folgt und sozusagen automatisch das denkt, wohin
diese Denk-Schwerkraft uns zieht (sie ist hier von der mathematischen Logik
durch die Gespräche mit ihrem Bruder sehr beeinflusst).
Konkret war sie zum Beispiel nicht
der Ansicht, dass es dann zu Revolutionen kommt, wenn die Unterdrückung
besonders schlimm ist, sondern dann, wenn die Unterdrückten an irgendeiner
Stelle den Geschmack der Freiheit kennen gelernt haben. Das heißt, man muss
ihrer Meinung nach die Freiheit schon kennen, um sie sich wünschen und dafür
kämpfen zu können – damit ein Sog sozusagen entsteht in dieser Richtung.
Sie war der Meinung, dass man
„eingewurzelt“ sein muss in eine Kultur, in eine Landschaft, eine Sprache, eine
menschliche Gemeinschaft, und aus solch einer Vertrautheit und Selbstsicherheit
entsteht die Grundlage für ein Leben, das sich gegen Zwänge wehrt. Deshalb war
sie auch eine so große Kritikerin des Kolonialismus, weil dieses Überstülpen
einer fremden Kultur ein Volk „entwurzelt“, und das ist nicht nur einfach
ungerecht, sondern tötet auch die Möglichkeit für Freiheit und Solidarität.
Freiheit und Solidarität entstehen nicht aus geknechteten Verhältnissen, sondern
immer da, wo sich in einer Nische oder in einer Gruppe die Praxis der
Gemeinschaftlichkeit festsetzt. Man kann das sozusagen nicht einfach denken, man
muss es einüben, nur dann ist es verlässlich.
Deshalb war sie dagegen, dass
bürgerliche Intellektuelle den Aktionsrahmen der Arbeiterbewegung bestimmen und
interessierte sich so sehr dafür, wie aus einer Situation heraus selbst Lösungen
für ihre Überwindung wachsen können. Vor diesem Hintergrund versteht man, warum
für Simone Weil der Begriff der Arbeit so wichtig war und vor allem die Art und
Weise, wie Menschen arbeiten. Sie hielt es zum Beispiel für falsch, dass die
Gewerkschaften sich mehr um die Höhe der Löhne als um die Organisation des
Arbeitsprozesses kümmerten. Ihrer Ansicht nach war egal, wem die Maschinen
gehören oder nicht, was sie interessierte war, ob die Maschinen selbstbestimmtes
Arbeiten zulassen oder den Menschen zu einem Rädchen degradieren.
Aus dieser Überzeugung versteht man
nun auch, dass für sie das Anwesendsein im Unglück so wichtig war. Denn sie
konnte nicht denken, wenn sie nicht selbst wusste, wie es sich anfühlt, im
Unglück zu sein, weil alles was man aus der Ferne sieht, sozusagen bloße Theorie
wäre. 1940, als sie in Marseille war, beschrieb sie das selbst so: „Noch immer
arbeitet meine Einbildungskraft auf eine für mich recht qualvolle Weise. Der
Gedanke an verschiedene Formen des Unglücks oder an Gefährdungen, an denen ich
keinen Anteil habe, erfüllt mich mit einer Mischung aus Grauen, Mitleid, Scham
und Gewissensbissen, die mir jegliche Freiheit des Geistes nimmt; die
Wahrnehmung der Realität macht mich von all dem frei. Zum Beispiel haben mich
die durch die Bombardierung von Paris verursachten Todesfälle keineswegs
gefühlsmäßig berührt, einfach weil ich dort war. Dagegen waren die Tage, in
denen sich die Schlacht um Flandern abspielte, für mich entsetzlich.“
Wenn sie später in New York Leute
traf, die sie beglückwünschten, dass sie dem Krieg und der Verfolgung in Europa
entkommen war, fand sie das schlimm. Sie wollte unbedingt zurück nach Europa. Im
Extremsten war das so, dass sie Christus um seinen Tod am Kreuz beneidete, und
sie sah selbst ein, dass das eine Sünde war. Aber sie beobachtete an sich
selbst, dass ihre „Einbildungskraft“ mit ihr durchging, wenn sie über ein
Unglück nachdachte oder schrieb, das sie nicht selbst erlebte.
Dazu passt ihre Definition von
Freiheit. Sie schrieb: „Die wirkliche Freiheit wird nicht durch die Beziehung
zwischen Wunsch und Erfüllung definiert, sondern durch die zwischen Denken und
Handeln. Vollständig frei wäre der Mensch, dessen Aktionen in einer vorherigen
Erkenntnis des erstrebten Zwecks sowie der Verknüpfung der für die Erreichung
des Zwecks geeigneten Mittel gründeten.“ Das heißt, in einer Situation, wo ich
nicht handele, weil ich vorher etwas gedacht habe, und nicht denke, um meine
Lebensumstände zu verstehen, bin ich nicht frei, selbst wenn es mir materiell
gut geht und ich gesund bin etc. Ein Mensch, der seine Arbeitszeit damit
zubringt, ganz ohne eigenes Denken ein Rädchen im Getriebe zu sein, ist genau
deshalb unfrei.
Und genau deshalb war sie gegen
bürokratische Staaten, wo der Einzelne auch nur ein Rädchen ist. Die ideale
soziale Organisation ist ihrer Ansicht nach dezentral, sodass alle sich
jederzeit eigene Regeln geben und sich niemals einfach an irgend etwas „halten“.
Ihr großer historischer Gegner war das Römische Reich als Vorbild bürokratischer
Staaten.
Denken bedeutet also für Simone Weil
die Verbindung herzustellen zwischen einer Situation und dem, was in der
Situation notwendig ist, und dem eigenen Handeln. Und frei ist man, wenn das
gelingt. Aber sie war der Meinung, dass dies nicht in der eigenen
Verfügungsgewalt des Subjektes steht, weil sie beobachtet hat, wie eine
Atmosphäre oder eine Umgebung der Unterdrückung dieses unmöglich macht. Ihr
Ausweg war nun nicht, sich auf die eigene Stärke zu verlassen, sondern aus der
Schwäche gewissermaßen den Hebel zu machen, zur Quelle dieser „Wahrheit“
vorzudringen, die sie dann später Gott nennt.
Für Simone Weil war diese Quelle der
Wahrheit immer da, und wurde zu unterschiedlichen Zeiten der Weltgeschichte
immer wieder neu entdeckt und beschrieben. Deshalb gibt es keine ewig gültigen
Prinzipien oder philosophischen Systeme, es geht beim Denken ihrer Ansicht nach
nicht darum, etwas Neues, noch nie Gedachtes zu erfinden, sondern darum, die
alte, selbe Wahrheit jeweils für die eigene Situation oder den eigenen Kontext
neu zu formulieren. Dazu muss man aber nicht unabhängig von der Weltsituation
eigenständig denken, sondern man muss sich mit dem ganzen Körper in diese
Situation hineinbegeben, um zu spüren, wie diese Wahrheit sich jeweils
angemessen äußern kann.
Simone Weil und der Antisemitismus
Diese wichtige Rolle, die „Gott“
oder jene außerweltliche „Wahrheit“ für ihr Denken spielt, ist meines Erachtens
auch der Grund für ihre Kritik an der jüdischen Tradition. Das Volk, das sie
neben den Römern für die Menschheitsgeschichte am Verhängisvollsten hielt, war
nämlich Israel.
Dies hat immer wieder für
Irritationen gesorgt und Simone Weil in den Verdacht gebracht, Antisemitin zu
sein. Dazu passt, dass sie sich selbst niemals als Jüdin verstanden hat. Sie
schrieb mehrfach, dass sie nicht von den Hebräern abstammen wolle, sondern von
den Phönikern – sie hatte eine Sympathie für Kathargo, die traditionellen Gegner
der Römer. Sie schrieb 1938, also zu einer Zeit, an dem Hitlers Antisemitismus
schon allgemein bekannt war, an einen Freund: „Im Glauben, von den Phönikern
abzustammen, hätte ich ein Rassebewusstsein, und würde für diese Rasse
nachdrücklich den Titel der überlegenen beanspruchen. Anstatt dass mich das
Gefühl lähmt, man könnte mir vorhalten, von Leuten abzustammen, denen nichts
Besseres eingefallen ist als Jehova, um es der Menschheit zu vermachen.“
Sie hatte 1938 das Alte Testament
bewusst gelesen. Ihre Biografin schreibt: „Sie war mehrmals entrüstet über das,
was sie darin vorfand. ... mir sind insbesondere zwei Stellen im Gedächtnis, die
sie empörten: der Grund, warum Gott Saul seine Gunst entzog, und eine Erzählung
über den Propheten Elisa. Der Bibel zufolge verwarf Gott Saul, weil er dem
Befehl Gottes, die Amalekiter bis auf den letzten Mann auszurotten, nicht völlig
gehorcht hatte. ... Simone war nicht erstaunt, in der Bibel Berichte über
Massaker zu finden. Sie wusste, dass es kein Volk gibt, das sich nicht
irgendwann einmal gebrüstet hat, seine Feinde ausgerottet zu haben. ... Empört
war sie darüber, dass der Befehl zur Ausrottung in der Bibel als Befehl Gottes
ausgegeben wird und dass weder der Schreiber dieser Geschichte, noch die meisten
Leser, zu denen auch die Christen gehörten, sich gegen die Annahme gesträubt
haben, dass Gott einen solchen Befehl erteilen könnte. Und über Elias erzählt
die Bibel, dass er Kinder, die ihn verhöhnt und Kahlkopf genannt hatten,
verfluchte und dass auf diesen Fluch hin zwei Bären aus dem Wald kam, und 42
dieser Kinder zerfleischten.
Man könnte in gewisser Weise sagen,
dass für Simone Weil Gott als „Hort der Wahrheit“ zu wichtig, um solche Berichte
über Gott tolerieren zu können oder als historisch einzusortieren. Gott, also
jene unvergängliche Wahrheit, deren Erkenntnis unsere einzige Chance als
Menschen ist, darf nicht so beschrieben werden.
Außerdem war sie eine Gegnerin des
Zionismus, weil sie darin Nationalismus wahrnahm. Sie schrieb: „Warum eine neue
Nationalität schaffen? Wir leiden schon unter der Existenz junger Nationen, die
im 19. Jahrhundert entstanden und von einem überzogenen Nationalismus beseelt
sind. ... daher sollte man heute nicht einer Nation zur Welt verhelfen, die in
50 Jahren zu einer Bedrohung für den Nahen Osten und für die Welt werden kann.
Gerade das Bestehen einer alten jüdischen Tradition in Palästina ist ein Grund
zur Schaffung einer jüdischen Heimstatt woanders als in Jerusalem.“
Als 1940 in Frankreich ein Erlass
herauskam, wonach Jüdinnen und Juden nicht mehr an Schulen unterrichten durften,
und sie auch selbst keine Anstellung mehr bekam, schrieb sie folgenden Brief an
das Ministerium: „Mir ist die Definition des Wortes Jude nicht bekannt, ....
Allerdings sagt der Text (also das Judenstatut) 'als Jude wird jeder betrachtet,
der drei jüdische Elternteile hat', aber diese Klarstellung verlagert nur die
Schwierigkeit um zwei Generationen zurück. Ich habe niemals eine Synagoge
betreten und niemals einen jüdischen Gottesdienst besucht. In Bezug auf meine
Großeltern erinnere ich mich, dass meine Großeltern väterlicherseits in die
Synagoge gingen; ich weiß dass die Eltern meiner Mutter beide Freidenker waren.
Sofern es sich um die Religion der Großeltern handelt, hatte ich also
anscheinend nur zwei jüdische Großeltern, was mich außerhalb der Bestimmungen
des Statuts stellen würde. Wird mit diesem Wort eine Rasse bezeichnen? Ich habe
dann keinerlei Grund zu der Annahme, irgendeine Bindung, sei es über meinen
Vater oder über meine Mutter, an das Volk zu haben, das vor 2000 Jahren
Palästina bewohnte. Zieht man zudem noch bei Josephus, wie Titus dieses Volk
ausgerottet hat, fällt es schwer zu glauben, dass es zahlreiche Nachkommen
hinterließ. … Im Übrigen begreift man, dass sich eine Rasse vererbt, doch dass
Religion erblich sein soll, leuchtet schwerlich ein. Ich, die ich keinerlei
Religion praktiziere und auch nie irgendeine praktiziert habe, habe gewiss
nichts von der jüdischen Religion geerbt. …Die christliche, französische,
griechische Tradition ist die meine, die hebräische ist mir fremd; kein einziger
Gesetzestext vermag daran etwas zu ändern. Wenn das Gesetz nichtsdestoweniger
verlangt, dass ich den Ausdruck 'Jude', dessen Sinn mir nicht bekannt ist, als
ein auf meine Person anwendbares Beiwort anzusehen habe, bin ich willens, mich
ihm wie einem jeglichen Gesetz zu unterwerfen. Doch wünsche ich dann, offiziell
darüber informiert zu werden, denn ich selber besitze keinerlei Kriterium, mit
dem dieser Punkt gelöst werden könnte. (Pétrement 2007, S. 532f)
Wir sehen, sie reagiert auf die
Verfolgung der jüdischen Bevölkerung völlig anders als Hannah Arendt, die ja
sagte „Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich auch als Jude
verteidigen“. Simone Weil weigerte sich, sich als Jüdin zu begreifen, sie fand
das ganze System absurd.
Ein weiterer Grund dafür, dass sie
das Thema Antisemitismus nie beschäftigt hat, war aber vielleicht gerade auch
der, dass sie selbst Jüdin und damit Opfer war. Und das Unglück, das sie selbst
teilte, empfand sie ja immer als weniger schlimm als das Unglück, dass sie
selbst nicht teilte.
Simone Weil und der Feminismus
Vielleicht ist das auch der Grund,
warum sie keine Feministin war. Sie hat sich eben auch hier nicht für ein
Ungerechtigkeitsproblem interessiert, das sie selbst betraf, einfach deshalb,
weil es dadurch, dass es sie selbst betraf, für sie schon kein Problem mehr war.
Sie wollte nie Verbesserungen für
sich selbst erkämpfen, also auch nicht für „die Frauen“.. Nicht, weil das Thema
ihr nicht bekannt war. Hannah Arendt in ihrem bürgerlichen Milieu hatte das
Thema Feminismus in der Tat nicht „auf dem Radar“. Das Arbeitermilieu, in dem
Simone Weil sich aufhielt, aber durchaus. In ihrer Zeit als Lehrerin
organisierte sie zum Beispiel zusammen mit anderen Bildungskurse für Arbeiter
und Arbeiterinnen und
wurde gefragt, ob sie einen Vortrag
zur Geschichte des Feminismus halten und gab den an eine andere Referentin ab
mit der Begründung, sie sei keine Feministin.
Sie verstand unter „Feministin“ sein
den Kampf um Frauenrechte, und der interessierte sie nicht, weil sie selbst eine
Frau war. Hingegen war sie sehr aufmerksam dafür, dass unter den schwierigen
Lebensbedingungen der Arbeiterschaft die Frauen und Kinder besonders zu leiden
hatten, das hat sie mehrfach herausgestellt.
Aber man könnte sagen, dass sie mit
ihrem Frausein ähnlich auf Kriegsfuß stand, wie mit ihrem Jüdinsein, vielleicht
sogar noch mehr, weil es ihr das „Dabeisein“ enorm erschwerte. Als Frau konnte
sie keine Grubenarbeiterin sein zum Beispiel. Als sie in Männerverkleidung ein
Bordell aufsuchte, um die Lebensbedingungen der Frauen dort zu erkunden, warf
man sie hinaus, als ihre Verkleidung auffiel. Als Frau konnte sie auch
schwieriger Kontakt zu männlichen Arbeitern pflegen, als ihr das als Mann
möglich gewesen wäre, weil das Sexuelle immer mitschwang und es gibt einige
Berichte über eifersüchtige Ehefrauen, die sich über diese junge Frau, die da
immer mit den Arbeitern in die Kneipe ging, aufregten. Sie fand es sozusagen als
Hindernis, dass sie eine Frau war – das ging soweit, dass sie sich häufig als
Mann ausgab. Ihre Familie ernannte sie daraufhin zum Sohn ehrenhalber und sie
unterschrieb sogar Briefe an ihre Mutter mit „dein respektvoller Sohn.“
Natürlich könnte man in all dem auch
eine Kritik an Weiblichkeitsrollen sehen, aber ausgearbeitet hat Simone Weil das
nie. Sie hatte auch soweit bekannt niemals sexuelle Beziehungen zu Männern (und
wohl auch nicht zu Frauen). Möglicherweise hatte sie als Kind im Park einmal
sexuelle Belästigung erfahren, ihr Bruder deutete so etwas nach ihrem Tod der
Biografin gegenüber an, aber genau klären lässt es sich nicht. Jedenfalls gab
sie sich immer Mühe, als asexuelles Wesen zu erscheinen, gerade bei ihrem
Versuch, sich mit den Arbeitern zu „verbrüdern“.
Das Christentum
Es ist nach dem Gesagten, finde ich,
nicht sehr verwunderlich, dass Simone Weil im Christentum, also einer Religion,
die einen ans Kreuz geschlagenen, erniedrigten Menschen als Erlöser bekennt,
einen angemessenen Ausdruck ihrer Ideen fand.
Außerdem brauchte sie den Begriff
eines Gottes: Gott ist das Gute und Gott ist außerweltlich. Das Gute kann durch
die Welt allein nicht garantiert werden, in der Welt herrscht allein die
Notwendigkeit. Man muss sich dieser Notwendigkeit fügen und gleichzeitig das
Gute anstreben, was man aber ohne Gottes Hilfe wegen der Gesetze der Scherkraft
nicht kann:
"Gott belohnt die Seele, die mit
Aufmerksamkeit und Liebe an ihn denkt, und er belohnt sie, indem er einen Zwang
auf sie ausübt. ... man soll sich diesem Anstoß überlassen, genau bis zu dem
Punkt laufen, wo er hin führt, und nicht einen einzigen Schritt darüber hinaus
tun, nicht einmal in Richtung auf das Gute." Das deshalb nicht, weil dann wieder
der eigene Wille ins Spiel käme.
Gott greift also niemals direkt in
die Welt ein, sondern er kann in der Welt nur anwesend sein über die Menschen,
die ihm ihre Aufmerksamkeit und ihre Liebe zuwenden. Und dazu muss Gott niedrig
und ohnmächtig sein, denn wäre Gott hoch und mächtig, dann könnte man ihn nicht
mit reiner Hingabe lieben, weil dem immer eigene Interessen beigemengt wären.
Sie hatte diesen „Geist“ bei ihren
Besuchen in Klöstern und Kirchen gefunden, und dann in Marseille vor allem in
Gesprächen mit Pater Perrin, einem blinden Priester, der sich sehr für die Armen
einsetzte und auch für vor allem jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, wofür er
auch mehrmals im Gefängnis war. Mit ihm sprach sie in Marseille häufig über den
katholischen Glauben in dem Bemühen, genau das herauszufinden: Inwiefern sich
ihre Philosophie mit der der katholischen Kirche deckt oder nicht.
Pater Perrin fand, dass sie eine
gute Christin sei und hätte sie gerne getauft, und sie selbst hätte es sich
gewünscht, zur Kirche zu gehören und die Sakramente empfangen zu können, aber
sie fühlte, dass es nicht ging.
Zum einen störte sie die Kirche als
soziale Einrichtung. Insofern die Kirche eine Institution ist, hat sie sich –
wie zum Beispiel in den Kreuzzügen oder der Inquisition – von Gottes Willen
entfernt. Die Kirche repräsentiert insofern ein Milieu, und Simone Weil wollte
zu keinem Milieu gehören – sie hatte sozusagen Angst, sich durch die Taufe von
den Ungläubigen zu entfernen. Sie schrieb: "Ich bleibe auf Seiten aller Dinge,
die nicht in die Kirche eintreten können, die in die Kirche, dieses universale
Haus der Aufnahme, keine Aufnahme finden können, aufgrund dieser beiden kleinen
Wörter (anathema sit = Die Formel, mit der die katholische Kirche Häresien
bezeichnet und aus der Kirche ausgeschlossen hat). Ich bleibe umso mehr auf
ihrer Seite, als meine eigene Vernunft ihnen zugezählt wird. ... die der
Vernunfteinsicht eigentümliche Funktion fordert eine völlige Freiheit. ... damit
die augenblickliche Haltung der Kirche wirksam wäre und wirklich wie ein Keil in
das soziale Leben eindränge, bedürfte es dessen, dass sie offen aussprechen,
dass sie sich geändert hat oder sich ändern will.“
Oder: „Ich bekenne mich voll und
ganz zu den Mysterien des christlichen Glaubens, in der Art des Bekennens, die
mir bei diesen Mysterien die einzig angemessene scheint; dieses Bekennen ist
Liebe, nicht Behauptung. Ganz gewiss gehöre ich Christus an. Zumindest neige ich
dazu, dies zu glauben. Aber ich werde außerhalb der Kirche durch Schwierigkeiten
philosophischer Art festgehalten, die, wie ich fürchte, nicht behebbar sind und
nicht diese Mysterien selbst betreffen, sondern die genaueren Auslegungen, mit
denen die Kirche sie im Verlauf der Jahrhunderte umschließen zu müssen glaubte,
und besonders wegen des Gebrauchs der Worte Anathema sit in diesem
Zusammenhang.“
Simone Weil war der Meinung, dass es
auch vor Christus schon Inkarnationen des göttlichen Wortes gegeben habe und sie
wusste, dass das in der Kirche allgemein für häretisch gehalten wurde. Sie war
auch der Meinung, dass jeder Mensch gut und böse unterscheiden kann und nicht
nur die Kirche darüber urteilen kann – zumal die Kirche in der Vergangenheit
auch falsch geurteilt hat.
Um in ihrem eigenen Denken frei zu
sein, musste sie sich also die Taufe versagen, weil jeder Priester, der sie
getauft hätte, sozusagen gotteslästerlich gehandelt hätte – es sei denn, die
Kirche hätte öffentlich bekundet, dass sie an diesem Punkt ihre Meinung geändert
hat.
Simone Weil hat für sich offen
gehalten, dass sie möglicherweise zu einem Zeitpunkt, wo sie nicht mehr in der
Lage sei, zu denken, eine Taufe akzeptieren könnte, weil dies dann kein
Hindernis mehr wäre. Manche haben darüber spekuliert, ob dies in den letzten
Wochen ihres Lebens möglicherweise so weit gewesen sei, aber das ist ja
eigentlich nicht wichtig.
Simone Weils Aktualität für heute
Für den Feminismus: Kontextuelles
Denken – ist später vom Feminismus vorgebracht worden, aber wurde zu sehr in
Richtung der „Kategorien“ weiterentwickelt. Sie war darin eine Vordenkerin, aber
nicht als „Frauen“ „Schwarze“ „Migrantinnen“ usw., sondern die Aufmerksam für
die konkrete Situation und die Ermächtigung der Handelnden selbst in ihrer
Situation.
Für die Religionen/das Christentum:
Es geht nicht um Systeme und Glaubensdogmen, sondern um das Erkennen Gottes und
das Bemühen, seiner „Wahrheit“ auf der Erde Bedeutung und Realität zu geben.
Für das Soziale: Nicht nur das Geld,
sondern vor allem die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind wichtig. Das Moment der
Selbstbestimmung, der Gestaltungsmöglichkeiten als Quelle von Freiheit.