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Elke Schüller: „Frau sein heißt politisch sein“. Wege der Politik von Frauen in der Nachkriegszeit am Beispiel Frankfurt am Main. Ulrike Helmer-Verlag, Königstein 2005, 405 Seiten, 45 Euro

 

Viel ist derzeit die Rede von der Zeit des Wiederaufbaus in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 60 Jahren. Was die Beteiligung von Frauen betrifft, so wird vornehmlich auf ihre „Trümmerarbeit“ Bezug genommen, die Bewältigung des Alltagslebens, während sie ansonsten als „unpolitisch“ gelten. Als Beleg dafür gilt ihre geringere Wahlbeteiligung und ihre weitgehende Abwesenheit aus politischen Parteien und Gremien. Elke Schüller zeigt in ihrer Dissertation, dass dieser Politikbegriff zu eng gefasst ist: Ein anderes Bild ergibt sich nämlich, wenn das Politische sich nicht auf das Parteipolitische beschränkt, sondern auch die außerparlamentarische Verbandsarbeit in den Blick genommen wird. Am Beispiel von Frankfurt am Main zeichnet sie detailliert die politischen Aktivitäten von einzelnen Frauen inner- und außerhalb der Parteien nach und wertet eine Fülle von statistischem Datenmaterial aus. Zum Vorschein kommt so eine höchst interessante Kontroverse unter politisch aktiven Frauen über die Frage, welche Form von Engagement angemessener ist: ihre Einbindung in die sich herausbildende parteipolitische Landschaft der Bundesrepublik oder aber die Gründung eigener, starker Frauenverbände, die jenseits von parteipolitischen Streitigkeiten und Kampflinien die Anliegen von Frauen, gerade auch im Bezug auf die Alltagsbewältigung, zu Gehör bringen können.

 

Auch für Frankfurt gilt dabei, wenn auch teilweise in weniger krassem Ausmaß als anderswo, dass die Beteiligung von Frauen an der Parteipolitik stark unterrepräsentativ war – wobei das Interesse wechselseitig gering war: Nicht nur gab es unter den Frauen große Vorbehalte gegenüber „Parteipolitik“, auch die Parteien hatten kein großes Interesse an weiblicher Mitarbeit, sie waren bis weit in die fünfziger Jahre hinein nur interessiert am großen Wählerinnenpotenzial der Nachkriegszeit. So versuchten sie zwar, über ihre Wahlpropaganda Frauen anzusprechen und nahmen auch die eine oder andere Alibifrau in ihre Reihen auf, von einem echten Interesse an weiblicher Differenz ist jedoch nichts zu spüren. Gleichwohl hat sich ganze Reihe von Frauen hier engagiert – etwa Carola Barth in der CDU und Elli Horeni in der SPD – und vor allem Ende der vierziger Jahre haben sie im Stadtrat sogar einige parteiübergreifende Initiativen auf die Beine gestellt. Wichtige Themen waren die Wohnsituation, die Kindererziehung und –betreuung, sowie Erwerbsarbeitsmöglichkeiten für Frauen, und gerade auch für Ehefrauen, die nach der Rückkehr der männlichen Kriegsgefangenen mit dem Vorwurf der „Doppelverdienerschaft“ aus dem Berufsleben herausgedrängt werden sollten. Bei fast allen diesen Themen waren sich die Politikerinnen in ihren Anliegen einig, während die Männer, egal welcher Partei, das meist anders sahen.

 

Weitaus größer als zur Parteienpolitik war der Zuspruch der weiblichen Bevölkerung aber zu den Aktivitäten des Frankfurter Frauenverbandes, der sich unter der Führung von Helli Knoll und Fini Pfannes als überparteilich begriff. Viele Parlamentarierinnen waren gleichzeitig hier organisiert, was ihnen dabei half, frauenpolitische Interessen zu Gehör zu bringen. Es ist aufschlussreich, wie groß die Abwehr der Parteien gegen diese Initiativen war. Besonders hervorgetan hat sich hier übrigens die SPD, die auf geradezu arrogante Weise für sich die Alleinvertretung von Fraueninteressen beanspruchte. Viele der in diesem Zusammenhang geführten Diskussionen erscheinen auch heute noch höchst aktuell, insbesondere was die falsche Gegenüberstellung von Engagement innerhalb und außerhalb der Organisationen betrifft: damals wie heute galt nämlich, dass die Politik der Frauen umso erfolgreicher ist, je mehr sie sich auf unterschiedlichen Plattformen verankert. Gewissermaßen beiläufig bietet das Buch zudem Einblicke in die Lebensumstände von Frauen in der Nachkriegszeit, die häufig nicht dem klassischen Hausfrauenideal entsprachen. Viele Frauen lebten zum Beispiel in Wohngemeinschaften zusammen; privates, soziales und politisches Frauenengagement verband sich in diesen Kreisen miteinander. Es ist geradezu erschütternd, wie sehr diese durchaus feministisch zu nennende Tradition der Nachkriegszeit beim Aufbruch der so genannten zweiten Frauenbewegung in den siebziger Jahren bereits in Vergessenheit geraten war.

 

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem Versuch von Ulla Illing, eine eigene Frauenpartei zu gründen, der jedoch auf wenig Resonanz stieß und bald aufgegeben wurde. Bedauernswert scheint im Rückblick auch die Tatsache, dass sich die der Frauenverband dem allgemeinen Antikommunismus angepasst hat und die Kommunistinnen bald ausschloss, obwohl diese sich von Anfang an dort stark engagiert hatten, wenn auch durchaus zuweilen mit zweifelhaften „missionarischen“ Absichten.

 

Elke Schüllers ungeheuer materialreiches Buch ist eine wahre Fundgrube für historisch Interessierte. Nicht nur hat sie aufwändig biografische Informationen über die damaligen Akteurinnen zusammengetragen (es ist unglaublich, wie wenig davon erhalten geblieben ist). Zu verdanken ist dabei vieles der Arbeit von Gabriele Strecker, die die Ereignisse als Redakteurin des HR-Frauenfunks begleitete. Zwar macht die schiere Menge an Zahlen und Daten die Lektüre zuweilen etwas mühsam. Nützlich jedoch ist das Namensregister, dass gezieltes Nachschlagen zu der ein oder anderen Frau ermöglicht. Jedenfalls hat Elke Schüller hier ein wesentliches Feld bundesdeutscher Geschichtsschreibung erschlossen, das zwar regional angelegt, in vielen seiner Schlussfolgerungen jedoch beispielhaft für die politische Landschaft der Nachkriegsjahre generell ist.

 

 

 

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