Barbara Potthast: Von Müttern und Machos. Eine
Geschichte der Frauen Lateinamerikas.
Peter Hammer Verlag, 428 Seiten, 17,90 EUR
Dieses Buch schließt eine wichtige Lücke: Mit großer
Sachkenntnis erzählt Barbara Potthast die Entwicklung Lateinamerikas seit der
Conquista neu, indem sie den Blick auf die Frauen richtet. Das beginnt bei den
Indianerinnen und den ersten spanischen Einwanderinnen, behandelt durch die
Jahrhunderte die Lebensverhältnisse von Sklavinnen, Dienstmädchen oder
Fabrikarbeiterinnen, aber auch von adligen oder bürgerlichen Frauen,
Kurzbiografien berühmter Persönlichkeiten wie Sor Juana de la Cruz, Manuela
Sáenz oder Evita Peron inklusive. Die Historikerin und Lateinamerika-Expertin
verbindet auf gut lesbare Weise Fallbeispiele, Rechtsprechung, wirtschaftliche
Daten und zeitgenössische Dokumente und deutet sie neu – ein unverzichtbares
Nachschlagewerk für alle Lateinamerika-Interessierten und eine überzeugende
Widerlegung patriarchaler Stereotypen. Eine Geschichte der Frauen in
Lateinamerika, wie der Untertitel verspricht, ist das Buch jedoch nicht. Denn
die männliche Sicht bleibt letztlich der Maßstab, zum Beispiel wenn immer wieder
gefragt wird, ob dieses oder jenes weibliche Handeln nun „emanzipiert“ gewesen
sei oder nicht – was Potthast fast immer mit „Nein“ beantworten muss. Bleibt
festzuhalten: Die Frauen Lateinamerikas waren weder so, wie die Männer sie sich
vorstellten, sie waren aber auch nicht in erster Linie an ihrer Emanzipation,
ihrer Gleichstellung, interessiert. Was aber wollten sie dann? Das
herauszufinden bleibt vorerst weiteren Forschungen überlassen.
In: Publik Forum Mai 2004