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Dorothee Markert: Wachsen am Mehr anderer Frauen. Vorträge über Begehren, Dankbarkeit und Politik, Christel-Göttert-Verlag, 2002, 268 Seiten, 19,80 €

 

 

Viele Frauen halten Philosophie für ein schwieriges, langweiliges, wenn nicht gar überflüssiges Geschäft: Unverständliche Sprache und abstrakte Fragestellungen, die für das Alltagsleben kaum von Bedeutung sind. Dorothee Markert zeigt in diesem Buch, dass es auch anders geht. Die „Arbeit am Symbolischen“ nennt sie es, wobei sie einen Begriff aufgreift, den italienische Philosophinnen geprägt haben: „Wir können nur deshalb überhaupt etwas wahrnehmen, weil durch das Symbolische aus der Flut der Reize bestimmte Dinge hervorgehoben und dadurch benennbar werden. Das Symbolische, in dem wir leben, ‚entscheidet’ ohne unser Zutun, was wichtig und unwichtig ist. ... Es strukturiert unsere Wahrnehmung und unser Denken und gibt uns damit Orientierung“.

 

Ein Beispiel dafür, wie in einer weiblichen symbolischen Bedeutung Begriffe neu bewertet und beurteilt werden können, ist das Thema „Hausarbeit“, das der Autorin besonders am Herzen liegt: Wurde die Hausarbeit in den siebziger Jahren von vielen Feministinnen abgelehnt (stellte sie doch ein Handicap dar beim Konkurrieren auf dem vermeintlich viel wichtigeren Erwerbsarbeitsmarkt), gilt sie heute als notwendiges Übel, das durch effiziente Organisation und gegebenenfalls „Outsourcing“ minimiert werden sollte. Dorothee Markert ruft jedoch die Bedeutung der Hausarbeit für ein gelingendes Zusammenleben in Erinnerung: Ordnung halten, kochen und dekorieren, pflegen und erhalten – das alles sind Tätigkeiten, die das Leben bereichern und die unverzichtbar sind, die mehr „Sinn“ haben, als er ihnen von einem patriarchalen Denken zugebilligt wird. Sie sollten daher nicht allein deshalb aufgegeben werden, weil die Logik der kapitalistischen Welt in ihnen keine Profitchancen sieht.

 

Markert steht dem Denken der italienischen Feministinnen um den Mailänder Frauenbuchladen und aus der Philosophinnengruppe „Diotima“ an der Universität von Verona nahe. Es geht darum, über die Bedeutung von Ereignissen und den Sinn der eigenen Existenz als Frau nachzudenken, ohne die Maßstäbe dabei in der westlichen Philosophietradition zu suchen, in der Abgrenzung oder Angleichung an den Mann. Die Grundthese der „Italienerinnen“: Es sind die Beziehungen unter Frauen,  und zwar vor allem die Beziehungen der Ungleichheit unter Frauen, die eine „weibliche“ Philosophie ermöglichen. Allerdings wird dieses Denken hier zu Lande ebenfalls oft als „schwierig“ empfunden, wenn nicht gar als biologistisches Postulat eines angeblich „natürlich Weiblichen“ missverstanden. Das liegt wohl vor allem am unterschiedlichen Kontext: Italien ist eben nicht Deutschland, was dort Alltag ist, bliebt hier bis zu einem gewissen Grade fremd.

 

Dorothee Markert gehört zu denen, die sehr früh von den Ideen aus Italien begeistert waren. Seit Jahren arbeitet sie durch Übersetzungen und Vorträge daran mit, dieses Denken im deutschen Kontext zu vermitteln. Und zwar nicht, indem sie es auf abstrakte Weise „erklärt“, sondern indem sie seine Bedeutung für konkrete Situationen und Fragestellungen sichtbar macht, die nicht in Italien spielen, sondern hier bei uns. Wie können Frauen ihr Wünschen, Wollen und Begehren in die Welt bringen? Wie sehen konstruktive Beziehungen zwischen Frauen aus? Wie können Machtbeziehungen durch Autoritätsbeziehungen ersetzt werden? Ist „Gerechtigkeit“ wirklich ein sinnvoller politischer Maßstab? – solche Fragen sind es, die im Mittelpunkt des Buches stehen, und die eben nicht abstrakt und abgehoben, sondern anschaulich und gut verständlich erläutert werden.

 

Besonders spannend ist dass, weil die heute 53jährige Autorin von Beginn an in der deutschen Frauenbewegung der 1970er Jahre aktiv war. Sie erinnert die Fragestellungen und Aktionen von damals, die auch ihre eigenen waren, würdigt die Erfolge, die daraus erwuchsen, zeigt aber auch Entwicklungen auf, die in so manche Sackgasse geführt haben, vor allem dann, wenn „Emanzipation“ als „Gleichheit mit dem Mann“ verstanden wurde. Das ist nicht nur für die spannend, die damals selbst dabei waren, sondern vor allem auch für die Jüngeren, weil deutlich wird, wie anders die Welt noch vor dreißig Jahren war.

 

aus: Virginia, Frauenbuchkritik, Frühjahr 2003

 

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