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Irma Hildebrandt: Frauen die Geschichte schrieben. 30 Porträts von Maria Sibylla Merian bis Sophie Scholl, Diederichs, München 2002

 

Irma Hildebrandt: Zwischen Suppenküche und Salon. 22 Berlinerinnen, Diederichs, München 2002 (Zweitausgabe, urspr. Hugendubel Verlag, München 1987)

 

Sagt Ihnen der Name Louise Schroeder etwas? Mir nicht. Merkwürdig, wie schnell Erinnerungen verloren gehen. Noch 1951 nämlich nannten bei einer Umfrage nach Frauen im deutschen öffentlichen Leben 66 Prozent der Befragten in Westdeutschland (ohne Berlin) ihren Namen an erster Stelle. Louise Schroeder war damals stellvertretende Oberbürgermeisterin von Berlin, und sie hatte die in Schutt und Asche liegende Stadt in den schweren Nachkriegsjahren und während der Blockade umsichtig und couragiert geführt. Die SPD-Politikerin stand im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Vorbei, vergessen.

 

Louise Schroeder ist eine von vielen, in Vergessenheit geratenen Frauen, an die Irma Hildebrandt in ihren in den neunziger Jahren erschienenen Büchern erinnert: Bände mit Frauenporträts, nach Städten sortiert: München, Zürich, Wien, Leipzig, Frankfurt, Berlin. Aus diesem Fundus hat der Verlag nun einen Sammelband unter dem etwas hochtrabenden Titel „Frauen, die Geschichte schrieben“ zusammengestellt. Louise Schroeder hat es dort hinein leider nicht geschafft. Stattdessen begegnen uns eher bekannte Namen: Clara Schumann, Maria Sibylla Merian, Else Lasker-Schüler, Anne Frank zum Beispiel.

 

Welche Frau verdient es, gerühmt zu werden, und welche nicht? Die Auswahl folgt den alten Regeln des Verlagswesen: Geschrieben wird über Leute, die jeder schon kennt, denn das verkauft sich. Dass damit nur die, die ohnehin berühmt sind, noch berühmter werden, ohne dass es dafür eine inhaltliche Rechtfertigung gibt, muss wohl in Kauf genommen werden. Genauso funktionierte auch schon die männliche Biografik, bevor sich vor inzwischen fast dreißig Frauen daran machten, ihre eigenen Geschlechtsgenossinnen in der Geschichte zu suchen und zu entdecken.

 

Die Frauen, die dabei zuerst aus der Versenkung auftauchten, waren die „Frauen von...“ – Mütter, Ehefrauen, Schwestern, Töchter berühmter Männer. Auch in Hildebrandts Auswahl begegnen sie zuhauf. Wenn man so an die Geschichte herangeht, drängen sich Vergleiche natürlich auf: Hat Fanny Mendelssohn nicht viel besser komponiert als ihr berühmter Bruder Felix? Hat nicht Mileva Einstein entscheidend dazu beigetragen, dass ihr berühmter Mann Albert den Nobelpreis bekam? Das weibliches Geschlecht, das Frau-sein, nimmt aus dieser Perspektive den Charakter eines Handicaps an. Es ist die Ursache für Benachteilung, schier unüberwindliche Hürden, fehlende Anerkennung. Dieses Kriterium, das Leben von Frauen, ihr Handeln und ihre Wirkung, an dem von Männern zu messen, ist auch das vorherrschende in Hildebrandts Texten. Es gilt auch für Frauen, die ohne direkte männliche Verwandtschaft in den zeitgeschichtlichen Kontext gestellt werden: Lola Montez, Käthe Kollwitz, Sophie Scholl. Was sie taten, taten sie vor allem „obwohl“, „trotz“, „dennoch“. Sie waren „regsam und findig“, „beharrlich“, leisteten „Pionierarbeit“ und so weiter. Das mag wohl alles stimmen und auch bewunderungswürdig sein. Doch immer noch ist das geistige Szenario jenes des Vergleichs mit dem Männlichen.

 

Der feministische Impuls der achtziger Jahre, mit Blick auf das Schicksal von Frauen „Wie ungerecht!“ zu rufen, war damals berechtigt, weil inspirierend. Heute wirkt er etwas antiquiert, denn längst ist bekannt, dass in diesem Denkhorizont die eigentlich interessanten Fragen nicht gestellt werden: Wo stehen die Frauen im Zusammenhang einer weiblichen Ideengeschichte? Inwiefern machten sie ihr Frau-Sein zum Ausgangspunkt, zum positiven Fundus, aus dem sie schöpfen konnten? Was wollten sie eigentlich erreichen in der Welt (denn die meisten wollten eben gerade nicht einfache dasselbe tun, wie die Männer oder der Zeitgeist es vorgaben). Solche Fragen sind auch gar nicht schwer zu beantworten. Man muss nur untersuchen, inwiefern sich die Frauen von anderen Frauen ihrer Epoche oder ihrer Profession unterschieden. Das, was zum Beispiel Henriette Goldschmidt als frauenbewegte Pädagogin auszeichnet, ist gerade nicht der Vergleich mit den Männern ihrer Zeit, die ihr Steine in den Weg legten oder auch nicht, sondern die Frage, welche Diskussionen und Kontroversen sie mit anderen Lehrerinnen und Frauenrechtlerinnen führte.

 

Solche Fragen stellt Irma Hildebrandt jedoch nicht. Andere Frauen kommen, wenn überhaupt, höchstens als Unterstützerinnen vor (was dann nicht näher begründet wird, ganz nach dem Motto: Frauen müssen doch eben zusammen halten), niemals jedoch als Kontrahentinnen, als Widerpart, als Gegenüber. In ihrer Persönlichkeit, in ihrer Individualität bleiben die Porträtierten daher blass und ungreifbar. Es wird zwar ihr Leben erzählt, doch was sie wollten und wer sie waren, liegt weiterhin im Dunkeln.


Kein großer Wurf also, dieses Buch, wenn man auch der Autorin zugute halten muss, dass die Texte schon älter sind. Dass der Verlag sie nun noch einmal heraus brachte, kann gleichwohl als gutes Zeichen gelten: Zeigt es doch, dass sich inzwischen mit flachen Geschichten über „berühmte Frauen“ genauso viel Geld verdienen lässt, wie dazumal nur mit – übrigens ebenso flachen – Büchern über „berühmte Männer“.

 

in: Stimmen der Zeit, Heft 2, Februar 2003, Band 221 

 

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