Marlies Flesch-Thebesius: Zu den Außenseitern gestellt. Die
Geschichte der Gertrud Staewen (1894-1987), Wichern-Verlag, Berlin 2004, 19,80 €
Ein noch immer dunkles Kapitel in der Aufarbeitung des
Nationalsozialismus ist die Haltung der Kirchen ihren eigenen Mitgliedern
jüdischer Abstammung gegenüber. Am Beispiel von Gertrud Staewen, die damals in
der Gemeinde Berlin-Dahlem engagiert war, schildert die Pfarrerin und
Journalistin Marlis Flesch-Thebesius diese Zeit. Dahlem selbst ist dabei sicher
kein typischer Fall: Der großbürgerliche Stadtteil war eine Hochburg der
Bekennenden Kirche, Niemöller war hier bis zu seiner Verhaftung Pfarrer, später
wurde Helmut Gollwitzer prägend. Das Buch schildert die Bedeutung, aber auch die
Grenzen kirchlichen Widerstands gegen die Nazis. Er war vor allem geprägt von
der Theologie Karl Barths und Charlotte von Kirschbaums, mit denen Staewen eng
befreundet war. Diese Frömmigkeit ließ zumindest einige, darunter eben Staewen,
auch aktiv werden, als es darauf ankam: Als nämlich in den Jahren der
Deportationen und Morde jüdische Menschen, die auf der Flucht oder untergetaucht
waren, konkrete Hilfe brauchten. Auch wenn dies, trotz guter Verbindungen, nur
in Einzelfällen gelang.
in: Frauen Unterwegs, Nov/Dez. 2004