Warum nicht?
Eine stabile Liebesbeziehung ist die
beste Medizin gegen Angst und Unsicherheitsgefühle in komplizierten Zeiten.
Nur: Wie finde ich den oder die Richtige? Wer bei der Suche nach der großen
Liebe nur Menschen in Betracht zieht, die ähnliche Vorlieben und
Eigenschaften haben, könnte das Beste gerade verpassen.
„Liebe – aber sicher!“ Ein Versprechen in
Riesenlettern auf einem Plakat, bestimmt für die vielen Menschen, die auf
der Suche nach der großen Liebe sind. Und dabei nicht viel Zeit haben.
Internet-Partnerbörsen wollen ihnen die Arbeit erleichtern: Mithilfe von
Suchalgorithmen, „wissenschaftlich geprüft“ natürlich, fischen sie aus dem
Millionenheer möglicher Kandidatinnen und Kandidaten diejenige Person
heraus, die „ideal zu Ihnen passt“.
Gibt es Sicherheit in der Liebe durch
Passgenauigkeit? Sind Beziehungen „erfolgreicher“, wenn sich die Studierten
zu den Studierten tun, die Hässlichen zu den Hässlichen, die Reichen zu den
Reichen und die Toskana-Liebhaberinnen zu den Toskana-Liebhabern?
Die Welt ist klein geworden
Irgendwie ist das doch ein wenig unromantisch.
Eine Freundin hat eine Zeit lang auf diese Weise einen „Partner“ gesucht
(allein dieses Wort!). Sie ging ganz systematisch vor und verabredete sich
zum Speed-Dating. Fünf Minuten, mehr Zeit gab sie den Bewerbern nicht.
Schließlich gibt es so viele Männer auf der Welt, wozu einen ganzen Abend
verschwenden, wenn man doch schon auf den ersten Blick sieht, dass einer mit
zusammengewachsenen Augenbrauen nicht infrage kommt und auch nicht einer,
der in den Lebensweisheiten des Dalai Lama liest.
Das ist wohl der Stress, mit dem wir heute leben
müssen. Die Welt ist klein geworden, zusammengeschrumpft. Wir sind mobil und
vernetzt, wir haben jederzeit die Wahl. Unter Hunderten, Tausenden, ach was:
Millionen möglicher Optionen. Das nagt. Und bei jeder Beziehungskrise fragen
wir uns wieder mal, ob wir denn auch die richtige Wahl getroffen haben. Oder
ob es nicht noch etwas Besseres geben könnte, jemanden, der besser „passt“ –
wie das sprichwörtliche Deckelchen auf dem Topf.
Weder schön noch klug, noch charmant
Wie anders erging es da den Hauslehrerinnen auf
dem altpreußischen Hofgut Poenichen, von denen Christine Brückner in ihrem
Roman „Jauche und Levkojen“ erzählt. Sie kamen – die Geschichte spielt vor
fast 100 Jahren – jeweils im Frühling in diese abgelegene Gegend in
Ostpommern und ausnahmslos jede von ihnen verliebte sich in den
Hofinspektor. Das war nämlich der einzige Mann, in den man sich dort
verlieben konnte. Er brauchte weder schön noch klug, noch charmant zu sein.
Das alles war er auch nicht und im Herbst hatte er noch jede Hauslehrerin
zur Verzweiflung getrieben. Und dennoch: Ihre Liebe war echt und
überwältigend gewesen.
Natürlich mag man nicht wirklich in solche
beschränkten Zeiten zurück. Und doch weckt die Erinnerung eine Sehnsucht.
Denn die Fähigkeit, in einem anderen Menschen das Liebenswerte zu erkennen,
auch wenn es nicht offensichtlich zutage liegt (und vielleicht nicht einmal
vorhanden ist), ist ein großartiges Vermögen der Menschen. Wenn sie lieben,
können sie sich mit anderen verbinden, auch wenn es dafür eigentlich keinen
vernünftigen Grund gibt.
Liebe ist sozusagen gleichzeitig subjektiv und
objektiv: Das, was ich in dem anderen sehe, und das, was er „wirklich“ ist,
lässt sich nicht voneinander trennen. Natürlich birgt das auch eine Gefahr.
Vor allem für Frauen, die sich manchmal auch ganz verkorkste Beziehungen
noch schönreden. Die sich schlagen und beleidigen lassen und glauben, das
sei ein Ausdruck von Liebe. Es kann – bei aller Verliebtheit – ganz sicher
nicht schaden, zwischendurch auch mal einen realistischen Blick auf die
„harten Fakten“ zu werfen.
Doch diese Fakten garantieren keine Sicherheit
in Liebesdingen. Es stimmt zwar: Zwei, die gut zueinander „passen“,
funktionieren meistens auch im Alltag miteinander. Allerdings müssten sie
sich dafür genau genommen gar nicht lieben. Es gibt ja genug andere,
handfestere Gründe, sich zusammenzutun.
Nichts „Passendes“ zu bieten
Der Witz an der Liebe hingegen ist gerade, dass
sie noch mehr kann. Und dieses „Mehr“ der Liebe kann in unsicheren und
komplizierten Zeiten ein Gefühl von Geborgenheit und Hoffnung geben. Aus dem
einfachen Grund, dass wir alle hin und wieder darauf angewiesen sind, in
genau diesem Sinne geliebt zu werden: obwohl wir den anderen gerade
überhaupt nichts „Passendes“ zu bieten haben.
In:
Echt, 3/2009
(September).