Antje Schrupp im Netz

Die Emanzipation der Frauen von Vater und Ehe in der Urkirche

Die frühen Gemeinden bieten im Bezug auf die Rolle und den Einfluss von Frauen kein einheitliches Bild. Einerseits bezeugt das Neue Testament ein großes Engagement von Frauen in der Jesusbewegung und ihre teilweise leitenden Funktionen in den frühen Gemeinden, andererseits gibt es aber auch das Bemühen, patriarchale Sozialstrukturen in der religiösen Gemeinschaft zu verankern. Attraktiv für Frauen sind vor allem das Ideal der Ehelosigkeit sowie die Aufhebung der traditionellen Arbeitsteilung und der damit verbundenen sozialen Hierarchien im Konzept des Diakonats.

Die antike Gesellschaft zur Zeit Jesu und der ersten Gemeinden ist durchgängig patriarchal organisiert, das heißt, die rechtliche und soziale Unterordnung der Frau unter den Mann als Familienoberhaupt ist sowohl in den Gesetzen, als auch im Bewusstsein der Menschen und in der sozialen Praxis weitgehend Fakt. Dies gilt – trotz regionaler und kultureller Differenzen im Detail – für das gesamte Römische Reich und die ihm unterworfenen Kulturen, also auch die jüdische. Das bedeutet aber nicht, dass Frauen keine Handlungsspielräume haben oder nicht aktiv sind. Nicht nur in den Gemeinden der Jesusbewegung, sondern im gesamten Judentum und auch in der römischen und hellenistischen Kultur wird die Frage nach der gesellschaftlichen und religiösen Rolle und Funktion von Frauen kontrovers diskutiert.

Frauen in der Jesusbewegung

Die Evangelien bezeugen an zahlreichen Stellen, dass zur Jesusbewegung nicht nur Männer, sondern ebenso Frauen gehörten. Einige Frauen begleiten Jesus wie die männlichen Jünger auf seiner Wanderung durch Galiläa, zum Beispiel Maria aus Magdala, Johanna, Susanna »und viele andere« (Lk 8, 2-3). Sie sind keineswegs nur passive Empfängerinnen von Jesu Lehre, sondern beteiligen sich an den Diskussionen, widersprechen Jesus zuweilen, und gerade in dieser selbstbewussten Aktivität zeigt sich ihr Glaube (Mt 15, 22-28). Eine Frau ist es auch, die Jesus salbt und so in ihm den »Gesalbten« (Christus) erkennt, und zwar gegen den Protest der Jünger (Mk 14, 6-9, Mt 26, 10-13). Häufig sind es zudem Frauen, die außerhalb der sozialen Gemeinschaft stehen, die die Botschaft vom kommenden Gottesreich verstehen, daran glauben und entsprechend handeln, wie die blutflüssige Frau (Mt 9, 18-22), die Samariterin (Joh 4, 7-30) oder die Huren (Mt 21,31).

Auch nach Jesu Tod spielen Frauen eine wichtige Rolle und tragen dazu bei, die junge Bewegung vor dem Zerfall zu bewahren und ihre Botschaft zu verbreiten. Drei Frauen, darunter Maria aus Magdala, sind die ersten Zeuginnen der Auferstehung. Frauen sind Missionarinnen, wie die Apostelin Junia, die mit Paulus in Gefangenschaft war (Röm 16, 7), sie leisten soziale Arbeit wie die Jüngerin Tabita aus Jobbe (Apg 9, 36). Manche, wie Evodia und Syntyche aus Philippi vertreten teilweise andere Lehren als Paulus (Phil 4,2). Eine der wichtigsten urchristlichen Apostelinnen ist Priska (oder Priszilla), eine Zeltmacherin, die als Jüdin mit ihrem Mann von Rom nach Korinth geflohen ist, wo sie Paulus beherbergt und eine Gemeinde leitet (Ag 18,2, 18,26 u.v.a.). Auch in vielen anderen Gemeinden sind Frauen namentlich bekannt (1 Kor 1,11, Röm 16, 6-13, Kol 4,14, Phlm 4,2). Außerbiblische Texte nennen weitere Apostelinnen und Missionarinnen, zum Beispiel Thekla, die bis heute in den orthodoxen Kirchen verehrt wird, oder Nino, eine georgische Wandermissionarin.

Das Engagement der Frauen ist nicht nur in den ersten Jahrzehnten, sondern auch später belegt. Da sie in verschiedenen Funktionen die frühen Gemeinden repräsentieren, sind sie auch den antichristlichen Verfolgungen des Römischen Reiches ausgesetzt, die im 2. Jahrhundert beginnen. Dabei drohen ihnen teilweise andere Strafen als Männern, etwa Zwangsprostitution. Als erste Märtyrin gilt Thekla, die den Tierkampf in der Arena überlebt und danach als Missionarin tätig ist. Sie wird in der christlichen Antike teilweise noch mehr verehrt, als die Mutter Jesu.

Das Ideal der Ehelosigkeit

Ob die Lehre Jesu und die Theologie der frühen Gemeinden für Frauen besonders attraktiv ist und sie so zur Mitarbeit motiviert, oder ob andersherum das große Engagement von Frauen die Ausbildung einer »frauenfreundlichen« Theologie erst hervorbringt, muss nicht entschieden werden – beides bedingt sich wohl gegenseitig. Ein wichtiger Punkt dabei ist die Relativierung der patriarchalen Ehe, die zum Beispiel Paulus propagiert (1 Kor 7), die sich aber auch in den Evangelien findet. So stellen Matthäus und Lukas die Geburt Jesu als ein Ereignis dar, das sich außerhalb patriarchaler Familienstrukturen abspielt. In den frühen Gemeinden wird Maria, anders als in der späteren Theologiegeschichte, noch nicht als Gegenbild zur sündigen Eva und den »normalen« Frauen verstanden. Berichtet wird vielmehr vom Wunder einer vaterlosen Geburt: Maria bringt ihren Sohn mit Hilfe der schöpferischen Kraft des göttlichen Geistes zur Welt, also ohne Zeugung durch einen Mann – und das in einem Umfeld, in dem die antike Verehrung der männlichen Zeugungskraft eine zentrale Rolle spielt.

Die patriarchale Ehe ebenso wie andere Herrschaftsverhältnisse (Freie/Sklaven, Eltern/Kinder) werden von Jesus und den frühen Gemeinden jedoch nicht direkt angegriffen, und es wird auch nicht die Forderung nach ihrer Abschaffung erhoben. Allerdings wird ihnen eine untergeordnete, rein »irdische« Rolle zugewiesen. Im »Reich Gottes« nämlich, im religiösen Leben der Gemeinden und vor allem in den Beziehungen der Gläubigen untereinander sollen diese Hierarchien und sozialen Unterschiede keine Rolle spielen. Da ist »nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau«, wie es in dem berühmten Galater-Wort des Paulus heißt (Gal 3, 28). Mit dieser Ansicht sehen sich die Gemeinden der Tradition der Tora verpflichtet: Wer glaubt, die Unterordnung der Frauen unter ein patriarchales Familienoberhaupt habe auch über die irdischen Verhältnisse hinaus Bestand, so ein Jesus-Wort, kennt »weder die Schrift noch die Kraft Gottes. Wenn sie von den Toten auferstehen werden, so werden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen.« (Mk 12, 24-25).

Entsprechend bieten sowohl die Gruppe um Jesus zu dessen Lebzeiten, als auch die späteren Gemeinden auch für solche Frauen einen Ort, die nicht in einer herkömmlichen Ehe leben. Frauen werden in den von Paulus beeinflussten Gemeinden nicht über ihren Status als Mutter, Schwester oder Ehefrau definiert, sondern über ihre Tätigkeit als Gemeindeleiterinnen, Missionarinnen, Diakoninnen. Paulus unterstützt jungfräuliches, also eheloses Leben auch für Frauen (1 Kor 7, 25-40). Auffällig ist auch die häufige Erwähnung der Witwen, wobei es sich nicht unbedingt um alte und bedürftige Frauen handelt, sondern offenbar um tragende und gestaltende Mitglieder der Gemeinden.

Arbeitsteilung und Ämter in den Gemeinden

Der egalitäre Anspruch der Gemeinden hat auch Auswirkungen auf die Arbeitsteilung. Frauen sind nicht auf versorgende Tätigkeiten, etwa die Hausarbeit, festgelegt. So nimmt Jesus während seines Besuches bei den Schwestern Maria und Marta ausdrücklich Maria, die an seiner Lehre interessiert ist und darüber ihre Pflichten als Gastgeberin vernachlässigt, gegen die Kritik ihrer Schwester in Schutz (Lk 10, 38-42). Frauen sind in den Gemeinden theologische Lehrerinnen, wie Priszilla, die in Ephesus einem jüdisch-christlichen Prediger namens Apollos »den Weg Gottes noch genauer auslegt« (Apg 18, 26). Frauen gelten auch als prophetisch begabt, wie die vier Töchter des Philippus in Cäsarea (Apg 21, 9).

Die Aufgabenverteilung innerhalb der Gemeindeorganisation soll sich nicht an sozialen Hierarchien und damit auch nicht an Geschlechterrollen orientieren, sondern an den jeweiligen Begabungen der oder des Einzelnen, die zwar verschiedene Funktionen und Aufgabenbereiche hervorbringen, jedoch sämtlich eine Gabe Gottes darstellen und entsprechend gleich geachtet werden sollen – »ein Leib mit vielen Gliedern« ist das Bild, das Paulus dafür findet (1 Kor 12, 4-31). Eine besondere Rolle dabei nimmt die frühchristliche Diakonie, das »Dienen«, ein. Das Wort bezeichnet in den antiken Gesellschaften Tätigkeiten der Haus- und Versorgungsarbeit, die als untergeordnet gelten und nur von Sklaven und Sklavinnen oder von Frauen geleistet werden, niemals aber von »freien« Männern. Bei Jesus selbst und in den frühen Gemeinden gilt das »Dienen« jedoch im Gegensatz dazu als Zeichen von religiöser Autorität. Das Diakonat ist kein »Amt« im Sinne einer Ämterhierarchie, sondern vielmehr ein Konzept, das soziale Hierarchien außer Kraft setzt: »Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein«, so ein Jesus-Wort (Mk 10, 43-44).

Das Diakonat wird als ganzheitliche Tätigkeit verstanden und umfasst materielle Versorgungsarbeit ebenso wie theologisches Lehren. Beides wird nicht als Gegensatz verstanden, sondern gehört zusammen und bedingt sich gegenseitig. Wenn Jesus den Jüngern die Füße wäscht, bringt er damit gerade seine Autorität als religiöser Lehrer zum Ausdruck (Joh 13). Gleiches gilt für die Witwen, die in den Gemeinden den Heiligen die Füße waschen und Bedrängten beistehen (1 Tim 5, 10). Das Diakonat als religiöses Amt drückt also nicht einfach nur die Umkehrung hierarchischer Aufgabenverteilung aus, sondern stellt gerade den Gegensatz zwischen »höherer« Lehrtätigkeit und »niedriger« Versorgungsarbeit – eine Grundlage hellenistisch-römischer Kultur – in Frage. Entsprechend ist »Diakon/Dianonin« eine Bezeichnung, die Frauen und Männern gleichermaßen zukommt. So ist zum Beispiel Phöbe Diakonin der Gemeinde von Kenchräa (Röm 16,1).

Konservative Strömungen in der Urgemeinde

Die Aufhebung der antiken patriarchalen Rollen- und Arbeitsverteilung ist jedoch innerhalb der Gemeinden und besonders in der Praxis umstritten. Vielen (freien) Männern fällt es schwer, im Sinne des Diakonats anderen Gemeindemitgliedern, die ihnen nach antiker Sozialordnung untergeordnet sind – also Sklaven oder Frauen – zu dienen, indem sie materielle Haus- und Versorgungsarbeit leisten. Ebenso haben sie Einwände dagegen, Frauen und Sklaven als religiöse Autoritäten anzuerkennen. Viele von ihnen treten daher für eine Beibehaltung patriarchaler Strukturen auch in den frühchristlichen Gemeinden ein, insbesondere die Verfasser der so genannten »Haustafeln«, die die Unterordnung der Frauen unter die Männer sowie den Gehorsam der Sklaven gegenüber den Herren explizit einfordern (Kol 3, 18-24, 1 Tim 2, 8-15). Frauen, die öffentlich lehren, werden als faul und geschwätzig diffamiert (1 Tim 5, 11-15), und es entsteht eine Tendenz, wonach nicht die Ehe als Lebensform, sondern speziell die weibliche Sexualität abzulehnen ist und – anders als in der jüdischen Interpretation des Schöpfungsberichts – auf die »Urschuld« Evas (und damit aller Frauen) zurückgeführt wird.

Beide Tendenzen – die zur Emanzipation der Frauen aus patriarchalen Ordnungen und ihre aktive Rolle in der christlichen Gemeinde ebenso wie das Bestreben, ihre Unterordnung im Sinne patriarchaler Sozialordnung zu bekräftigen – sind also in den frühen Gemeinden präsent. Wenn Frauen aufgefordert werden, in der Gemeindeversammlung zu schweigen (1 Kor 14, 34), dann verdeutlicht das genau diesen Konflikt: Einerseits hat das Verbot nur einen Sinn, wenn es tatsächlich Frauen gibt, die nicht schweigen. Andererseits macht es aber auch deutlich, dass der weibliche Anspruch auf eine gleichberechtigte Mitarbeit von maßgeblichen Kräften innerhalb der Gemeinde zurückgewiesen wird.

Zitatkasten:

Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier, er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. (Mt 28, 5-7).

Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Gal. 3, 27-28).

Personenkasten:

Maria Magdalena

Wegbegleiterin Jesu (um 30 n. Chr)

Maria aus Magdala gehört zu den Männern und Frauen, die Jesus bei seinem Umherziehen und Verkündigen begleiten. Sie stammt aus einer Ortschaft mit großer Fischindustrie am Westufer des See Genezareth, ist offenbar unverheiratet und vielleicht eine Geschäftsfrau. Jedenfalls ist sie viel auf Reisen, denn außer Jesus aus Nazareth ist sie die einzige Person im Neuen Testament, die mit ihrem Heimatort bezeichnet wird. Bestimmt ist Maria Magdalena keine ehemalige Prostituierte – ihre spätere Gleichsetzung mit der geretteten Ehebrecherin oder der Sünderin von Bethanien lässt sich biblisch nicht begründen. In Jerusalem ist sie sowohl bei der Kreuzigung als auch bei der Grablegung anwesend, und sie gehört zu den ersten Zeuginnen der Auferstehung. Am leeren Grab gibt ihr ein Engel – nach anderen Berichten sogar Jesus selbst – den Auftrag, die Botschaft der Auferstehung zu verkünden. Sie gehört zur Jerusalemer Urgemeinde und trägt maßgeblich dazu bei, dass die Jesusbewegung nach dessen Tod nicht auseinander fällt. In manchen antiken Texten wird sie als Jesu Lieblingsjüngerin verehrt, die ihn nach seinem Tode vertritt und die anderen in der Lehre vom Gottesreich unterweist.

In: Spektrum – Auf den Spuren der Bibel, Wissen Media Verlag, Gütersloh/München 2004.