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Brasilianisches Tagebuch: Salvador de Bahia 1999/2000
Acarajé | Aeroclube Plaza Show | Candomblé | Festa da Iemanjà | Itaparica | Karneval | Lagoa de Abaeté | Lavagem do Bonfim | Morro de São Paulo | Pelourinho | Planeta Zoo | Rock in Rio Café | Telenovelas |
Freitag, 26. November
Habe
mich aufgerafft und bin zum Pelourinho gefahren. Wollte eigentlich ins
Theater, aber das war schon ausgebucht. So sitze ich jetzt rum und trinke
Caipirinha. Eben kam eine deutsche Touristengruppe, die erkennt man daran,
dass sie einen Pullover dabei haben Immer für alles gewappnet. Und Bier in
Einzelgläsern bestellen (das Bier kommt hier normalerweise in diesen 0,6
Liter-Flaschen mit mehreren Gläsern für alle Leute, und in einer
Steropor-Hülle, damit es nicht so schnell warm wird). Außerdem
habe ich festgestellt, dass es ganz einfach ist, sich ansprechen zu
lassen. Man muss nur eine Uhr ans Handgelenk binden und wird alle zehn Meter
nach der Uhrzeit gefragt. Den Fehler hab ich heute gemacht.
Sonntag, 28. November Allein
zu reisen ist vor allem dann ärgerlich, wenn man eine halbe Stunde auf den
Bus warten muss und niemanden hat zum Zeitvertreib... Manchmal gibt es da aber auch ganz scheußliche Dinge zu beobachten, zum
Beispiel vorhin an der Bushaltestelle: Ein junges Pärchen, sicherlich höhere
Einkommensgruppe nach den Klamotten zu schließen, eben so jung und schön wie
aus der Modebeilage. Und dann fängt das Mädchen an dem Jungen die Pickel im
Gesicht auszudrücken oder sonst wie an ihm rumzufummeln. Widerlich! Und er
hat das mit sich machen lassen, ohne sich auch nur zu wundern, so als wär sie
seine Mama. Es gibt Leute, die sind mir auf den ersten Blick rundherum
unsympathisch. Der Gesichtsausdruck, die Körperhaltung, die Bewegungen,
einfach alles. Man muss hier übrigens oft auf den Bus warten, weil es
eigentlich von überallhin nach überallhin eine eigene Linie gibt, damit man
von überall hin nach überall hin ohne Umsteigen kommt. Das ist ganz
praktisch, wenn man wenig Geld hat, denn dann kostet es nur eine Fahrkarte. Es
ist aber sehr unpraktisch, wenn man sich nicht auskennt. Denn so fahren an
einer Haltestelle massenweise verschiedene Busse vorbei und es ist gar nicht
so einfach, sich den richtigen rauszupicken. Denn Fahrpläne gibt es
natürlich keine. Aber ich glaube, wenn man sich erst mal einen Überblick
verschafft hat, muss man auch nicht mehr so lange warten, weil man mehr Busse
kennt, die die richtige Strecke fahren.
Montag, 29. November Im
Internet-Café kam ich mit Paula ins Gespräch, die neben mir am Computer
surfte. Seit zwei Monaten ist sie hier in Salvador. Sie ist 24 Jahre alt.
Hierhergekommen ist sie wegen einem Mann, aber der hat sie enttäuscht.
Enttäuscht heißt, er war schon verheiratet und hat sich dann irgendwann
nicht mehr blicken lassen. Zum Glück hat sie hier in dieser Pousada, zu der
das Internet-Café gehört, einen Job gekriegt und trägt jetzt ein, wie lange
die Leute am Computer sitzen. Jetzt hat sie eine neue Liebe über’s Internet
kennen gelernt. Er kommt vielleicht nächste Woche. Es ist die große Liebe,
und das schwören sie sich jeden Tag, denn sie telefonieren täglich. Sie
haben sich schon gegenseitig Fotos geschickt. Aber für den Fall, dass es doch
nichts wird, hat sie schon einige andere auf der Warteliste, die sie aber
vorerst vertröstet, bis sie die Sache mit dem Prinzen verifiziert hat. Sie
war schon mal verheiratet und hat drei Kinder (sic!), die sind bei ihrer
Mutter in Alagoas da kommt sie ursprünglich her. Ich war ja schon kurz davor,
Neidgefühle zu kriegen, bei all den schönen verliebten jungen Paaren, die
einem hier dauernd vor der Nase rumlaufen. Aber wenn da solche Geschichten
dahinter stecken, dann verzichte ich doch lieber dankend!
Dienstag, 30. November Noch
ein Monat bis zum großen Jahrtausend-Silvester. Die Zeitungen versorgen uns
schon mit guten Tipps und Ratschlägen, wie man es schafft, sich rechtzeitig
die richtige Strandfigur zuzulegen. Mit nichts essen und täglich Gymnastik,
sagen die Experten, kann man es schaffen, in den vier Wochen vier bis fünf
Kilo abzunehmen. Bei wem das nicht langt, der soll das mit der Diät lieber in
die Liste der Vorsätze für das neue Jahr aufnehmen...
Mittwoch, 1. Dezember Das
Wetter ist weiterhin so mittelmäßig. Ich versuche hier rauszukriegen, was
eigentlich gutes Wetter ist und was schlechtes. Jedenfalls ist es nicht der
Unterschied in der Temperatur, denn die ist gleichbleibend hoch so um die
dreißig Grad. Gutes Wetter ist natürlich, wenn der Himmel wolkenlos und
stahlblau ist. Allerdings ist das Wetter dann so gut, dass man sich den ganzen
Tag über eigentlich nicht aus dem Haus wagen kann. Schlechtes Wetter ist
natürlich Regen. Aber meistens ist weder das eine noch das andere, sondern
bedeckter Himmel. Aber das ist auch nicht immer das selbe. Manchmal ist die
Luft richtig angenehm, so dass man zum Beispiel lange Spaziergänge machen
kann, manchmal ist sie aber auch richtig drückend und schwül, und das ist
dann das schlechteste Wetter von allen. Ein weiteres Problem für die
Tagesplanung ist auch, dass sich das alle zehn Minuten ändert. Eben regnets,
dann klart es aber auf und es wird ein richtiger Sonnentag. Oder morgens ist
die strahlendste Sonne, und wenn du dann am Strand bist, ist das Gewitter da.
Gestern
abend war mein erster Besuch in einem Candomblé-Terreiro, und zwar im
berühmten Terreno Ilé Axé Opô Afonja. Das Ritual war für Omolu, den Gott
der ansteckenden Krankheiten. Das Terreiro besteht aus lauter kleinen
Häusern, die den verschiedenen Göttern (Orixás) geweiht sind. In einem
weiteren Haus hängen Bilder von allen mães-de-santos die das Terreiro seit
seiner Gründung 1910 hatte. Es ist eine Abspaltung des Casa Branca, des
ersten Terreiros in Salvador. Das Ritual beginnt gegen 21.30 Uhr und findet in
einem großen viereckigen Raum statt, in dessen Mitte den Rand entlang die
Mitglieder des Terreiros sitzen, während im Eingangsbereich Besuchertribünen
für Leute aus dem Stadtteil und sonstige Gäste aufgebaut sind, links für
Männer, rechts für Frauen. Es gibt eine „Band“, die Musik macht (bzw.
mit dem Trommelrhythmus der Atabaques die Götter rufen, damit sie sich
manifestieren). Die meisten Leute aus dem Terreiro sind weiß angezogen, auch
die
Freitag, 3. Dezember Hier
gibt es noch diese Frischhaltefolie, die zusammenklebt, wenn man sie
zusammendrückt. Das ist außerordentlich praktisch. Warum klebt eigentlich
die Frischhaltefolie in Deutschland nicht mehr? Früher hat sie das doch auch
getan! Allerdings haben sie hier auch mehr Bedarf an luftdicht abgeschlossenem
Zeugs. Man muss mehrmals täglich die Küche wischen, denn sobald irgendwo ein
kleines Krümelchen rumliegt, kommen ganz viele (zum Glück ganz kleine)
Ameisen und tragen es weg.
Samstag, 4. Dezember Kaum
in der neuen Wohnung drin und schon was kaputt gemacht. Wollte ein T-Shirt im
Waschbecken auswaschen, habe ein bisschen fest draufgedrückt, und da ist das
ganze Waschbecken runtergekracht. Das ist nämlich nur mit so ein bisschen
Mörtel an der Steinplatte oben festgeklebt. Natürlich geht das dauernd
kaputt...
Die
Sonntage sind eigentlich das Schlimmste hier: Die Shoppingcenter sind zu
(beziehungsweise die Geschäfte, die Fast-Food-Dinger sind trotzdem auf), die
Kinos sind feiertagsmäßig teurer und die Strände sind absolut überfüllt.
Also bleibt man am besten zu Hause – aber: Ich wollte ja eigentlich auch
einiges arbeiten hier. Aber bei der Hitze schaffe ich es höchstens, am
Computer Tetris zu spielen. Ich kann mich absolut nicht konzentrieren. Und
dann gibt es sonntags nicht mal die gewohnte Telenovela, die mich jedes Mal,
wenn ich in Brasilien bin, unweigerlich in ihren Bann zieht. Also, was tun?
Die derzeitige Telenovela heißt übrigens "Terra Nostra" und
handelt von den italienischen Einwanderern um die Jahrhundertwende. Jetzt sind
hier alle im Italienfieber, Italienischkurse sind voll belegt und alle sagen
dauernd "ecco" und "va bene"... (zum
nächsten Eintrag Telenovela)
Montag, 6. Dezember Man
muss schon viel Geduld haben. Diese Langsamkeit und diese Dickfelligkeit der
Leute hier ist atemberaubend. Neulich war ich im Supermarkt in der Schlange.
Bei der Frau vor mir hatte irgendein Produkt keinen Preis. Also wurde eine
Mitarbeiterin gerufen, um den Preis rauszufinden. Also geht sie mit dem
Joghurt oder was es war zum Regal, findet den Preis raus, kommt aber nicht
zurück, sondern unterhält sich unterwegs erst noch ein bisschen, und als sie
damit endlich fertig ist, kommt sie ganz gemütlich und langsam wieder
rübergeschlendert. Aber gar nicht provokativ, wie sich das für unsereins
anhört, sondern so, als wäre das das Normalste von der Welt. Und für die
anderen Leute um mich herum, scheint das auch das Normalste von der Welt
gewesen zu sein, jedenfalls hat sich keiner beschwert. Das Gute dabei ist
jedoch, das es hier fast überall „Fila Unicas“ gibt, also nur eine
Schlange, von der von vorne die Leute an die freiwerdenden Schalter verteilt
werden. Ich finde das unglaublich entspannend, weil man nicht dauernd nervös
ist und befürchtet, sich wieder mal an der falschen Schlange angestellt zu
haben. Ich habe das in Deutschland auch mal irgendwo vorgeschlagen (ich
glaube, bei der Post im Hertie in Frankfurt), und die Antwort, die man mir
gegeben hat, war (ernsthaft), das ginge nicht, denn dann wäre die Schlange so
lang und man wolle doch den Leuten nicht das Gefühl geben, dass sie so lange
warten müssen. Also: Weil es den Brasilianern nicht so viel ausmacht, lange
warten zu müssen, müssen sie letztendlich nicht so lange warten, ist doch
schlau, nicht?
Dienstag, 7. Dezember Am
Strand macht es Spaß, die kleinen Jungs zu beobachten, wie sie Capoeira
üben. Überschläge und so. Das bietet sich ja auch an, im weichen Sand, und
wenn es dann auch noch ein bisschen abschüssig zum Meer runtergeht. Und die
sind zum Teil richtig gut.
Mittwoch, 8. Dezember Gestern
habe ich eine unleidliche Diskussion zwischen einer Touristin und einem
Busfahrer mitbekommen. Die Busse funktionieren hier so, dass man hinten
einsteigt, durch ein Drehkreuz geht und dann 80 Centavos an den Kassierer
bezahlt, der hinter dem Drehkreuz sitzt. Und er muss halt abends so viel Geld
in der Kasse haben, wie Leute durch das Drehkreuz gegangen sind, das
mitzählt. Leute über 60, Kranke mit Ausweis und Polizisten dürfen umsonst
mitfahren und steigen vorne ein (Schwangere mit ausreichend dickem Bauch
dürfen auch vorne einsteigen, müssen aber trotzdem bezahlen. Wenn man
Gepäck dabei hat, darf man das erst vorne einladen, muss dann ganz schnell
nach hinten laufen, bevor der Bus wegfährt, und auch durch das Drehkreuz).
Nun gut, soweit die Regeln. Diese Touristin nun hat aber das Drehkreuz zweimal
gedreht, was passieren kann, wenn man zum Beispiel nicht so dicht auf
Tuchfühlung mit dem Vordermann kommen will. Und dann wollte der Kassierer,
dass sie den doppelten Fahrpreis bezahlt, weil ihm das Geld ja sonst fehlt.
Und sie hat sich geweigert, weil was sind das denn für unmögliche
Verhältnisse mit dem Drehkreuz und so weiter. Ich fand das richtig peinlich.
Als ob die 80 Pfennig ihr was ausmachen würden!
Freitag, 10. Dezember Die
Herren-Bademode in dieser Saison ist ziemlich ekelhaf: Hosen bis zu den Knien,
aber der Bund sitzt so tief, dass man von vorne den Schamhaaransatz sieht und
von hinten den Anfang der Arschritze. So als ob die Hose jeden Moment
runterrutscht – widerlich!
Sonntag, 12. Dezember Heute
hatte ich wieder einmal ein Erlebnis in der Kategorie: Bin ich froh, eine Frau
zu sein. Ich sitz im Bus und fahre Richtung Strand, mit mir im Bus eine
Handvoll Strandhungrige und eine große Menge „Camelots“, so heißen die
Armen, die sich kalte Getränke, Sandwiches oder Süßigkeiten in eine
Steroporkiste packen und sich durch den Verkauf an den Stränden ein paar
Reals zu verdienen. Jedenfalls wird der Bus
plötzlich von einer Gruppe schwer bewaffneter und mit schusssicheren
Westen ausgestatteter Militärpolizisten angehalten. Alle Männer müssen
aussteigen, sich mit gespreizten Beinen und Hände hoch an den Bus stellen und
durchsuchen lassen. Vermutlich Rauschgift. Die Frau in der Bank vor mir sieht
offenbar meinen verdutzten Gesichtsausdruck und sagt mir, das sei "fiscalisacão",
offenbar ist sie der Meinung, das würde mir erklären, was hier passiert. Zu
hause schlage ich vorsichtshalber noch mal im Wörterbuch nach. "
fiscalisacão" heißt "Kontrolle". Nun, das erklärt es
irgendwie ja auch nicht...
Montag, 13. Dezember Heute
hatte ich ein Erlebnis der dritten Art in einer öffentlichen Bibliothek. Ich
wollte einfach nur ein paar Bücher nachschauen, bzw. eigentlich im Katalog
einmal rauskriegen, was die so alles an Büchern haben. Einen allgemein
zugänglichen Katalog gibt es aber gar nicht. Man geht also hin und muss die
Bibliothekarin bitten, das Buch rauszusuchen, und die sucht es dann im
Computer. Ich habe zum Beispiel irgendwas über Leila Diniz gesucht. Also gibt
sie unter „Autor“ Leila Diniz ein. Fünf Minuten habe ich gebraucht, um
sie zu überzeugen, dass Leila Diniz im Schlagwort oder im Titel stehen muss.
Sie hat offenbar nicht den Unterschied zwischen einem Buch von und einem Buch
über Leila Diniz verstanden. Nach einer Weile ist sie dann doch drauf
gekommen, dass es vielleicht einfacher wäre, mich selbst recherchieren zu
lassen (so was Kompliziertes wie mich hatte sie offensichtlich überhaupt noch
nicht erlebt in ihrer Bibliothekarinnenlaufbahn). Und – o Wunder – es fand
sich ein Buch über Leila Diniz. Nur war das im anderen Saal. Im anderen Saal
gab es aber nur Bücher, die man ausleihen kann. Und um Bücher ausleihen zu
können braucht man Passfotos und einen „Wohnbeweis“. Dafür reicht zum
Beispiel ein Brief aus, der an mich unter meiner Adresse adressiert angekommen
ist. So was hatte ich natürlich zufällig grade nicht dabei. Also habe ich
die (jetzt zuständige) Bibliothekarin gefragt, ob ich mir das Buch vielleicht
erst einmal anschauen kann, um herauszufinden, ob es mich überhaupt wirklich
interessiert, bevor ich irgendwann noch einmal mit all den notwendigen
Dokumenten wiederkomme. Das hat auch eine Viertelstunde gedauert, bis ich ihr
verständlich machen konnte, warum ich nicht weiß, ob mich das Buch
interessiert. Weil ich es nicht kenne. Aber warum will ich es dann haben...
Jedenfalls hat sich, nach langem Hin und Her herausgestellt, dass das Buch gar
nicht da ist. Weder in der Kartei der ausgeliehenen Bücher, noch im Regal.
Seither habe ich beschlossen, dass es doch einfacher ist, mir die Bücher, die
mich interessieren zu kaufen. Im Buchladen kann ich mir die Bücher nämlich
erst anschauen und dann ganz ohne großen Aufwand mitnehmen, wenn ich will und
meine Kreditkarte zücke.
Hier in Brasilien
werden die täglichen Fernsehserien nur etwa eins, zwei Wochen im voraus
gedreht, weil die Handlung sich den Wünschen der Zuschauerinnen anpasst (sie
werden ganz überwiegend von Frauen geguckt, weshalb die Intellektuellen sie
auch für doof und banal halten). Eine Figur in der Serie, die beim Publikum
nicht ankommt, wird rausgekickt, eine, die ankommt, kriegt mehr Sendezeit.
Ruckzuck. Das hat natürlich rein wirtschaftliche Gründe (mehr Zuschauerinnen,
mehr Werbeeinnahmen). Nun habe ich grade heute eine "intellektuelle"
Analyse gelesen, dem Autor ist aufgefallen, dass in letzter Zeit jeweils im
Lauf der Folgen die von den Drehbuchautoren eigentlich projektierte weibliche
Hauptrolle (Typ braves Mädel, das auf den Prinzen wartet und zwischenzeitlich
viel Ungerechtes erleiden muss) zugunsten einer anderen, zunächst als
Nebenfigur geplanten, interessanteren Protagonistin an Bedeutung verloren
hat. Also: was die Zuschauerinnen wollen, das kommt im Fernsehen, und
findet dann irgendwann auch Eingang in das "intellektuelle"
Repertoire (wie besagter Artikel beweist).
Mittwoch, 15. Dezember Weihnachten
rückt unweigerlich näher. Obwohl sich bei mir noch kein richtig
weihnachtliches Gefühl eingestellt hat, dazu ist es einfach nicht kalt und
dunkel genug. Auch wenn wir hier gerade unter einer Kaltfront leiden, die
Temperaturen bis zu 24 Grad (!) mit sich bringt (ich hab mich auch schon
prompt erkältet). Auch die Nikoläuse hierzulande tragen nicht viel zur
vorweihnachtlichen Stimmung bei – hübsche junge Frauen im knappen roten
Bikini mit Wattebauschborten! Man erkennt sie eigentlich nur an der
Zipfelmütze. Ansonsten ist die Inszenierung des Ereignisses durchaus
beeindruckend. Alle Kirchen von Lichterketten verziert, die Straßen und
Shoppings sowieso, an jeder Ecke stehen riesige Krippen, Weihnachtsmänner,
Engel... Aber trotzdem! Mitten im Sommer! Das Lustige ist, dass das
Weihnachtsfest selber hier ziemlich untergeht angesichts der Menge von
religiösen Festen. Wir hatten schon das Fest der Heiligen Barbara (oder der
Donnergöttin Yansa, je nachdem), das von Marias unbefleckter Empfängnis (die
Stadtpadronin von Salvador), das der heiligen Luzia, dann kommt die
Schiffsprozession am Morgen des 1. Januar mit wieder einer Heiligenfigur
(welche, hab ich vergessen, ich nehme an, der Schutzpadron der Seefahrer oder
so) – ich hab mir vorgenommen, so lange wach zu bleiben - dann Mitte Januar
die Waschung der Kirche Bonfim mit parfümiertem Wasser und Blumen (zu Ehren
von Christus oder Oxalà, wieder wie man’s sieht), dann am 2. Februar das
berühmte Fest der Meeresgöttin Yemanjà (das übrigens genau vor unserer
Haustür stattfindet, super-Ausblick!) und bis endlich Karneval ist, sind alle
schon ganz erschöpft vom vielen Feiern. Die ganzen Stadtteil-Heiligen-Feste
hab ich dabei noch gar nicht aufgezählt. Und wer weiß, was ich alles noch
nicht weiß. Man gewöhnt sich langsam dran, morgens aufzuwachen, und schon
wieder ist Feiertag. Zum Glück sind die Supermärkte trotzdem auf. Es würde
sonst zu ziemlichen Versorgungsengpässen kommen.
Freitag, 17. Dezember Wenn
man nicht viele Klamotten am Körper hat, dann schafft das natürlich noch so
besondere Probleme. Zum Beispiel das, wo man das Handy unterbringen soll. Und
so laufen die meisten Brasilianerinnen und Brasilianer mit dem Handy in der
Hand herum (fast alle haben inzwischen eines, seit es diese Kartenhandys gibt,
ohne monatliche Grundgebühr). Oder es steckt hinten in der Gesäßtasche und
sie müssen es immer herausnehmen, wenn sie sich irgendwo hinsetzen. Also, bei
mir würde das nicht lange gut gehen...
Sonntag, 19. Dezember Ich
finde es wunderschön, dass die Supermärkte hier auch sonntags geöffnet
sind, wenn auch die meisten nur vormittags. Aber wer kann denn schon immer an
alles denken. Und wie viele Leute hier arbeiten! Es gibt natürlich die, die
es bei uns auch gibt – die die Regale einräumen, die an der Kasse sitzen,
die putzen, die die Zeug verkaufen (bei uns verkaufen sie Käse und Fleisch,
hier verkaufen sie das frisch gebackene Weißbrot). Dann gibt es aber noch
viele, die es bei uns nicht gibt: Die, die die leeren Einkaufswagen von der
Kasse wieder zum Eingang bringen (jeden einzeln und sofort!), die das
eingekaufte Zeug in Tüten packen (in viele kleine Plastiktüten, die man auch
braucht, weil man, siehe oben die Geschichte mit den Ameisen, den Müll
eigentlich minütlich raus in die Mülltonne tragen sollte und dazu braucht
man viele kleine Plastiktüten), die die Leute in die verschiedenen Kassen
einweisen, dann gibt es die, die Wechselgeld besorgen (das nämlich chronisch
Mangelware ist, deshalb sind immer einige mit Geldwechseln beschäftigt), die
die Einkaufstaschen der Kundinnen in Plastik einschweißen, damit man nichts
klauen kann. Und alle haben, je nach ihrer Funktion, verschiedenfarbige
T-Shirts an, auf denen Bompreco steht, das ist der Namen der Supermarktkette.
Und die Frauen haben noch ein kleines Bompreco auf der Arschtasche ihrer Jeans
aufgestickt (wobei die Jeans aber offenbar ihre eigenen sind, denn es sind
lauter unterschiedliche Modelle, ob die das selbst draufsticken müssen?), die
Marketingabteilung weiß offenbar genau, auf welchen Körperteilen die Augen
ihrer Kunden bevorzugt ruhen. Dann gibt es aber noch Personal mit anderer
Uniform, zum Beispiel die uniformierten und bewaffneten Sicherheitsleute an
den strategischen Punkten, oder die Herren mit Schlips, die immer gerufen
werden, wenn es spezielle Probleme gibt, zum Beispiel, was die Anerkennung von
Schecks etc. betrifft.
Montag, 20. Dezember Heute
hab ich noch mal den Versuch mit dem Theater gestartet und bin auch
tatsächlich reingekommen. Hinter mir in der Schlange ein Deutscher, auf
Rundreise mit dem Super-Varig-Ticket wie alle, im Gespräch mit seinem
Reiseführer, der ihm erklärt was Orixas sind und was Capoeira und so weiter.
Da kommt er ins Gespräch mit einem Mädel, das
in der Schule Deutsch lernt und jetzt ganz froh ist, das mal in der
Praxis zur Anwendung zu bringen. Und immer dieselbe langweilige Konversation:
Deutsch ist eine schwere Sprache – ich finde aber, dass Portugiesisch viel
schwieriger ist, die Aussprache! Ja, aber Deutsch, da gibt es nicht nur
männlich und weiblich, sondern auch Neutrum. Englisch ist die beste Sprache,
da gibt es nur ein Geschlecht. Ich war schon mal in Deutschland, im
Schwarzwald. Meine Mutter wäre am liebsten dageblieben. Ich würde am
liebsten in Brasilien bleiben – puh!
Mittwoch, 22. Dezember Auf
dem Weg zum Strand habe ich eine Stunde auf den Bus warten müssen. Es ist mir
nicht klar, in welchem Rhythmus die Busse fahren oder ob die überhaupt einen
haben. Manchmal kommen drei derselben Linie direkt hintereinander, manchmal
steht man stundenlang rum. Jedenfalls bin ich bei der Gelegenheit mit einem
deutsch-brasilianischen Paar ins Gespräch gekommen, die hier Urlaub machen,
eigentlich wohnen sie in Deutschland. Das war ganz nett. Es hat schon eine
Menge Vorteile, nicht allein am Strand zu sein: Du hast jemand, der auf dein
Zeug aufpasst, wenn du ins Wasser gehst oder einen Spaziergang machst, und
außerdem kannst du gemeinsam Bier und was zu essen bestellen. Diese großen
Bierflaschen bringen’s nicht für eine Person, denn bevor die Hälfte leer
ist, ist es schon warm (trotz der Steroporbehälter, die es bis zu einem
gewissen Grad kühl halten). Und die Essensportionen sind eben immer für
mindestens zwei Personen ausgerichtet, und jeden Tag Acarajé
essen kann man ja auch nicht. Obwohl das eine echt gute Erfindung ist:
Überall an den Straßenecken sitzen "Baianas" herum (das sind diese
weißgekleideten Frauen, die man auch überall als Puppen kaufen kann) und
verkaufen Acarajé, ein in streng schmeckendem Dende-Öl (Palmöl) frittierter
Teigkloß aus Bohnenmasse, in den kleine Tomaten- und Zwiebelstückchen, eine
gelbliche Masse sowie eine klebrige grüne Masse eingefüllt werden, bei
Belieben auch noch getrocknete Krabben (inklusive Schale und allem). Kostet
nur 1 Mark und ist, wenn man den strengen Geschmack mag, eine echte
Alternative zum Hamburger. Und ohne die Krabben auch eines der wenigen
vegetarischen Essen, die man hier bekommt. Für Kalorienbewusste gibt's die
Bohnenasse auch gekocht statt frittiert. Außerdem sind an den Ständen
leckere Süßigkeiten aus Kokosmark zu bekommen. Acarajés gibt es nur in
Salvador (so ähnlich wie Apfelwein nur in Frankfurt). Ursprünglich diente
der Verkauf zur Finanzierung von Candomblé-Terreiros, die Kleidung der "Baianas"
ist auch dieselbe, die die filhas-de-santos beim Ritual tragen. Inzwischen ist
es aber eine ganz normale Einkommensquelle. Es gibt rund 4000
Acarajé-Verkäuferinnen in Salvador.
Freitag, 24. Dezember Es
ist Heiligabend, und im Haus nebenan läuft auf voller Lautstärke Sakro-Pop
den ganzen Abend. Vamos
louvar o Senhor. Jesus Christo.
Dienstag, 28. Dezember Das
Waschbecken ist repariert. Die Jungs Hausmeister haben das gut hingekriegt,
und so muss es die böse Vermieterin gar nicht merken. Mit den zwanzig R$, die
ich ihnen in die Hand gedrückt habe, waren sie überglücklich.
Wahrscheinlich habe ich sie hoffnungslos überbezahlt, aber dass sie mir
dieses Problem so einfach vom Hals geschafft haben, wäre mir noch viel mehr
wert gewesen.
Donnerstag, 30. Dezember Heute
habe ich mir den Fuß verknackst. Hier muss man aber auch wirklich bei jedem
Schritt auf den Boden schauen, weil überall Löcher im Pflaster sind. Das
geht nur schlecht zusammen mit der Tatsache, dass man auch rennen muss, um in
den Bus reinzukommen. Die Busse halten nämlich immer hintereinander, und wenn
man nicht fix genug da ist, geht die Tür schon wieder zu. Und so war eben
heute genau vor dem Bus, in den ich einsteigen wollte, ein Loch und –
knacks. Ich kriege schon allein beim Gedanken daran eine Gänsehaut. Und so
laufe ich jetzt mit einem Verband rum, und das, wo ich doch extra zu
Weihnachten Silvester-Schuhe geschenkt bekommen habe – weißes und blaues
Plastik. Die sehen vielleicht aus, wenn man einen Verband um den Fuß hat...
Und so muss ich den ganzen Silvesterabend auf den Beinen sein.
Samstag, 1. Januar Es
ist ein neues Millenium. Der J2K-Bug ist vollständig ausgeblieben, soweit das
normale Menschen mitkriegen jedenfalls. Auch was die Feierei angeht, ist von
dem anfänglichen Enthusiasmus nicht viel geblieben. Selbst in Rio, wo die
größte Feier gewesen sein soll, gab es noch freie Hotelzimmer. Wir haben uns
erst die Feiern in Europa angeguckt (am eindrucksvollsten war die
Feuerwerkerei am Eiffelturm, fand ich), und dann haben wir gemacht, was
hierzulande an Silvester so zu tun ist: Linsen essen (für Geld und Arbeit),
und Trauben, aus denen man sieben Kerne herausfischen muss, um sie dann in ein
Stück Papier einzuwickeln und aufzuheben (für die Liebe). Die persönlichen
Präferenzen für das kommende Jahr werden auch durch die Wahl der Unterhose
ausgedrückt: Gelb für Wohlstand, weiß für Frieden, rosa für Liebe und rot
für Leidenschaft. Obendrüber ziehen alle weiß an, für den Frieden. Und ein
bisschen blau für Yemanjà, die Meeresgöttin. Der muss man eigentlich auch
ein paar Blumen ins Meer werfen und über sieben Wellen hüpfen, was wir aber
nicht geschafft haben, denn der Strand war schon voll besetzt. Kein
Durchkommen (auch wegen meinem Fuß, siehe oben). Also haben wir uns ganz auf
das Feuerwerk konzentriert, dass fast eine halbe Stunde gedauert hat
(wie in Rio übrigens). Das Eindrücklichste für mich dabei war aber,
wie sich die Leute gefreut haben. Jede Rakete wurde überschwänglich
beklatscht. Und da hat es auch schon fast gar nichts mehr ausgemacht, dass der
Sekt natürlich brühwarm war.
Sonntag, 2. Januar Heute
war Padre Marcello im Fernsehen. Über eine Million Menschen haben in São
Paulo seine Messe besucht (die dann in ein Popkonzert gemündet ist), und im
strömenden Regen stundenlang ausgeharrt. Jesus-Aerobic. Und der Bischof darf
auch seinen Senf und Segen dazugeben. Ich könnte es in einer solchen
Massenveranstaltung ja nicht aushalten. Aber, wie gesagt, es wird ja zum
Glück alles live im TV übertragen.
Montag, 3. Januar Ich
habe eine kleine Freundin gefunden, Karina. Die verkauft abends immer
Erdnüsse in der Kneipe, wo ich öfters mal einen Caipirinha trinke (wisst
Ihr, was der hier kostet? 1,50 Mark! Da muss man doch zuschlagen). Jedenfalls
ist Karina 10 und kommt jeden Abend mit ihrer älteren Schwester aus Periperi
hier nach Rio Vermelho, also aus einem sehr entfernten Vorort, um die
Erdnüsschen zu verkaufen, die ihre Mutter vorher hübsch in Papiertütchen
einrollt. Nachts um drei fährt sie mit dem Bus dann wieder nach hause. Das
dauert eineinhalb Stunden. Ins Gespäch gekommen sind wir zum ersten Mal, als
sie mir die Telefonnummer von einem Verehrer an einem anderen Tisch gebracht
hat (das kommt hier manchmal vor). Jetzt kaufe ich ihr jedesmal ein paar
Tütchen Erdnüsse ab und manchmal essen wir zusammen Pommes Frites und
trinken Fanta.
Gestern
abend waren wir in der schicksten In-Disco von Salvador, dem Rock-in-Rio-Café.
Es befindet sich in einer Art Shopping- und Fress-Center direkt am Strand, wo
alle schicken Leute rumlaufen. Innendrin ist es auf Kühlschranktemperatur
runtergefroren, ich hatte zum Glück lange Hosen und feste Schuhe an. Aber die
anderen Mädels liefen alle in ihren Spaghettikleidchen rum, die Jungs in
Jeans und Poloshirt, alle wie geklont und vollkommen langweilig. Die Musik war
eine Mischung aus hr3 und Planet Radio und ausgesprochen bieder für eine
In-Disco. Ich kam mir vor wie in einer deutschen Dorfdisco aus den achtziger
Jahren. Das Publikum fast durchgängig weiß, und das in einer Stadt mit 80
Prozent schwarzer Bevölkerung. Das sagt ja schon alles. Das Beste war der
Rock-in-Rio-Café-Cocktail, den man auch guten Gewissens trinken konnte, da
sowieso ein Mindestverzehr vorgeschrieben war. Als dann auch noch eine
schreckliche Band kam, die auf schauerliche Weise Dire Straits und U2
nachgespielt hat, haben wir die Flucht ergriffen.
Mittwoch, 5. Januar Im
vorigen Jahrhundert (pardon, im vor-vorigen Jahrhundert, nämlich im 19.), hab
ich gelesen, sind die Familien (sprich: die Frauen) nach sieben Uhr morgens
nicht mehr an den Strand gegangen. Wenn man die Sommerzeit abrechnet wäre das
jetzt also um acht Uhr. Auch noch ziemlich früh. So früh schaffe ich es
nicht mal, aufzustehen, geschweige denn am Strand zu sein. Die Sommertipps
für dieses Jahr sind: Keine Sonnenbäder zwischen 11 und 17 Uhr. Und dann
auch nur mit Sonnenmilch Lichtschutzfaktor 15. Ja, wie soll man denn da braun
werden?
Gestern
waren wir auf der Insel Itaparica. Da fährt man für 2 R$ eine Stunde
gemütlich mit der Fähre hin, mit wunderschönem Ausblick auf die Skyline von
Salvador. Die Insel ist sehr ruhig und schön, aber es scheint irgendwie mit
ihr bergab zu gehen. Jedes zweite Haus ist zu verkaufen. Dafür war der Strand
aber trotzdem noch ziemlich voll, aber es gab keine Wellen, so dass auch ich
mal reingehen konnte. Ich hab doch sonst immer so viel Angst um meine
Brille...
Freitag, 7. Januar Heute
kam im TV die Nachricht, dass nach einer neuen Untersuchung von allen
Jugendlichen die in Rio sterben, ein Drittel erschossen wird. Sie wollen jetzt
nächste Woche ein Gesetz machen, das das Tragen von Schusswaffen verbietet.
Ich
sitze an der Lagune von Abaeté und genieße eine relative Ruhe. Diese Lagune
ist umgeben von schneeweißen Sanddünen und unglaublich idyllisch. Man hat
auch bei dieser Hitze große Lust, einfach schnell mal reinzuspringen.
Tatsächlich tummeln sich auch Unmengen von Menschen in dem kühlen Nass, und
vor allem kleine Kinder, die hier schön spielen können, weil es, anders als
am Meer, keine Wellen gibt. Wenn ich nur wüsste, warum dieses große Schild
da steht „Baden sehr gefährlich“. Krokodile gibt’s hier keine. Es muss
wohl die Verschmutzung sein... Also sitze ich lieber in einer der Bars und
gucke mir die Natur nur an, statt mit ihr auf Tuchfühlung zu gehen. Leider
wird wieder die unvermeidliche laute Live-Musik gespielt, für die man immer
extra was bezahlen muss, und die einem doch nur auf die Nerven geht, weil es
ja doch nur die immer gleichen drei Sommerhits sind. Sowas wie Ruhebedürfnis
scheinen die Leute hier überhaupt nicht zu kennen. Jetzt fängt auf der
anderen Seite auch noch einer an, zu spielen. Und ich sitze sozusagen mitten
im Kreuzfeuer. Zeit, die Flucht zu ergreifen...
Gestern
war ich im Planeta Zoo. Das ist ein kleiner Privatpark, der am Wochenende für
Publikum geöffnet hat. Allzuviele Tiere gibt es allerdings nicht, ein paar
Vogelkäfige, und die Attraktion ist ein neugeborenes Lama. Auf Mutter Lama
dürfen Kinder reiten. Und ein Vogel Strauss ist in einem ganz kleinen Gehege
eingesperrt, so dass man ihn von ganz nah betrachten kann. Allzu ökologisch
finde ich das nicht, aber es hat einen Preis dafür gegeben (Ökotourismus
oder so). Das beste ist sowieso das kleine Schwimmbad dabei. Und dafür geben
die Leute viel Geld aus, dass sie hier mal einen richtig netten Sonntag
verbringen können. Der Eintritt kostet nämlich satte 8 R$ und die Preise
für Getränke etc. sind glatt doppelt so teuer, wie üblich. Ich scheine
übrigens schon stadtbekannt zu sein. Jedenfalls hat mich auf dem Weg zum Klo
eine hübsche junge Frau angesprochen, die mich aus dem Waschsalon kennt, wo
ich meine Wäsche immer hinbringe. Sie arbeitet da. Wir haben uns dann eine
Weile unterhalten, denn sie war auch alleine dort. Ich habe mich aber nicht
getraut, sie zu fragen, was sie denn eigentlich da macht. Verdient sie im
Waschsalon so gut? Der Mindestlohn liegt bei rund 140 R$ im Monat. Wieviel
mehr als den Mindestlohn wird man wohl verdienen, wenn man im Waschsalon
arbeitet? Oder vielleicht ist sie so auf der Suche nach einem reichen Ehemann?
Aeroclube
Plaza Show – das gibt es seit einem Jahr. Eine Art Shoppingcenter am Strand,
hauptsächlich mit Klamottengeschäften und Restaurants und Fastfood und eben
dem "Rock in Rio Café". Da sind sie in Salvador furchtbar stolz
drauf und es ist auch tatsächlich abends immer gerammelt voll. Dabei gibt es
hier eigentlich gar nichts Interessantes. Das beste ist ein
erstklassiges Sushi-Fast-Food, wo man sich für 15 Mark mit rohem Fisch
so richtig satt essen kann. Und in diesen Algenröllchen sind Mangostückchen
drin! Wie intensiv so eine Mango schmeckt, das ist ja unglaublich. Der
Geschmack überdeckt alles andere.
Mittwoch, 12. Januar Meine
Haut ist vom Meer schon ganz samtweich, und meine Haare haben blonde
Strähnchen gekriegt, auch die Häarchen auf den Armen und Beinen sind ganz
hell. Bloß brauner werde seit einiger Zeit schon nicht mehr. Irgendwie
scheint da eine Stagnation einzutreten. Ob ich wohl schon an meinem Limit bin?
Aber so dunkel bin ich eigentlich noch gar nicht.
Lavagem
do Bonfim, die alljährliche Wäsche der Christuskirche, die die berühmteste
Kirche in Salvador ist (die mit den Bändchen). Hunderte von „Baianas“,
das sind diese weißgekleideten Frauen von den Postkarten, waschen die Kirche
mit parfümiertem Wasser und schmücken sie mit Blumen.
Das ganze ist eine Art Ritual für Oxalà, den Schöpfergott aus dem
Candomblé, der – ist ja auch irgendwie logisch – nicht mit irgendeinem
popeligen Heiligen gleichgesetzt wird, sondern eben mit Jesus Christus
höchstpersönlich. Und der daher auch in dieser Kirche verehrt wird. Den
offiziellen Eigentümern des Gebäudes ist das nicht so ganz geheuer, und
deshalb schließen die Katholiken die Kirche an diesem Tag lieber ab. Ich bin
tapfer die ganze Prozessionsstrecke von neun Kilometern mitgelaufen,
natürlich war ausgerechnet an diesem Tag kein Wölkchen am Himmel. Aber die
Aldi-Sonnenmilch ist wirklich klasse. Die ganze Wegstrecke war eine große
Feier, mit Ständen, Musik, Bierverkäufern und so weiter. Und natürlich alle
besoffen. Das Schrecklichste waren die berittenen Ritter der Sowieso-Partei,
die mit ihren Reitkünsten angeben mussten, und immer durch die Menschenmenge
geprescht sind. Als wir dann endlich bei der Kirche ankamen, war die
Wäscherei schon voll im Gange, und niemand hat was davon mitgekriegt. Denn
der ganze Kirchenvorplatz war für Politiker, geladene Gäste, besonders
gutbetuchte Touristen und natürlich die nationale und internationale Presse
reserviert. Selbst einige Baianas konnten nicht dahin vordringen. Wir, das
normale Volk (zwei Millionen sollen es gewesen sein), schon gar nicht. Nur
hinterher. Einige Baianas haben sich dann noch dafür bezahlen lassen, die
Reste ihres parfümierten Wassers über die Köpfe der Gläubigen
auszusprenkeln und dafür Wünsche entgegenzunehmen. Hab ich aber nicht
mitgemacht...
Freitag, 14. Januar Jederzeit
kann man hier Kaffee trinken. Der wird von Jungs verkauft, die sich eine Art
von Roller gebaut haben mit Seitenleisten, so dass sie vier bis fünf
Thermoskannen draufstellen können. Ein Papptässchen voll kostet 15 Pfennig.
Manche diese rollenden Kaffeebars sind sogar mit eingebauten Ghettoblaster
ausgestattet...
Samstag, 15. Januar Heute
habe ich schon wieder einen so riesigen Fußmarsch hingelegt, sechs Kilometer
am Strand lang. Wir haben jetzt schon fast eine Woche nur knallblauen Himmel,
und vor fünf Uhr nachmittags traue ich mich tatsächlich nicht mehr aus dem
Haus. Auch andere müssen sich in acht nehmen. Ich habe noch nie so viele
Schwarze mit Sonnenbrand gesehen. Die Haut wird dann dunkelblutigrostrot. Das
sieht fast noch beängstigender aus, als bei Weißen mit Sonnenbrand, da
erwartet man das ja irgendwie und ist auch schon dran gewöhnt. Aber bei ihnen
sieht das irgendwie brutal aus. Gestern Abend hat in der Kneipe am Nebentisch
eine Frau gesessen, die war ziemlich dunkel, und trotzdem hat sich hinten im
Nacken die ganze Haut geschält. Ich musste da dauernd hingucken.
Montag, 17. Januar In
Rio ist eine Frau, die oben ohne am Strand lag, von einem Militärpolizisten
brutal verhaftet worden – internationale Meldungen, die bis nach Deutschland
kamen. Aber nur unter Überschrift: Wer oben ohne am Strand liegt, kommt in
Brasilien ins Gefängnis. In Wahrheit war das aber nur ein ausgetickter Irrer
(die soll’s ja geben bei der Polizei) und der Vorfall hatte zur Folge, dass
die MP in Rio jetzt offiziell angewiesen wurde, oben-ohne-Frauen in Ruhe zu
lassen.
Dienstag, 18. Januar Was
mir in Brasilien am meisten auf die Nerven geht, ist die vollkommene
Kritiklosigkeit der Menschen. Das dümmste Beispiel dieser Art habe ich
gestern abend im Kino erlebt. Das Kino war gut besucht, und als der Film
anfängt, ist er unscharf. Und zwar nicht ein bisschen, sondern ziemlich. Gut,
denke ich, es wird schon jemand Bescheid sagen gehen. Aber nichts passiert,
fünf Minuten, zehn Minuten, mir wird schon ganz schwummrig von den
verschwommenen Bildern. Verflixt, denke ich, das kann doch nicht sein. Aber
alle gucken ganz begeistert hin, halten verliebt Händchen und tun so, als
wär nix. Es ist unglaublich aber war: Ein ganzes Kino voller Brasilianer,
aber wer beschwert sich? Die einzige Deutsche im Saal, nämlich ich. Aber
immerhin haben sie dann den Film scharf gestellt. Aber diese Unfähigkeit,
Negatives auszusprechen (was ja auch immer den Versuch darstellt, die Dinge zu
verbessern), ist einfach unglaublich. Und führt zu einer enormen
Rücksichtslosigkeit der Menschen. Jeder macht, was er will, weil man muss ja
nicht damit rechnen, kritisiert zu werden: Die Männer pinkeln ganz offen auf
die Straße, die Leute führen lange Diskussionen am Handy im Kino, mitten im
Film, sie schmeißen ihren Müll überall auf die Straße und so weiter. Es
gibt in diesen Bereichen keine soziale Kontrolle, weil alle immer so tun, als
ginge sie das alles nichts an. Und sich nicht beschweren, ganz egal, wie
absurd die Situation ist.
Mittwoch, 19. Januar Das
Shoppingcenter Barra hat jetzt – eine Eisbahn! Auf dem zentralen Platz (da,
wo bis vor kurzem der Weihnachtsbaum stand) ist jetzt Eis, und für ein paar
Mark kann man sich da jetzt Schuhe ausleihen und so tun, als wär es Winter.
Was es natürlich nicht ist. Und dann fällt man also hin und schürft sich
die nachten Beine auf, also nee.
Donnerstag, 20. Januar Heute
war ich mal wieder in der Bibliothek und – oh Wunder – ich habe ein Buch
bekommen. Mit dem setze ich mich dann an einen Tisch. Aber die Freude war von
kurzer Dauer. Es gab nämlich wieder ein unerfreuliches Beispiel für die
Rücksichtslosigkeit der Menschen hier, die eine Folge ihrer Unfähigkeit ist,
Kritik zu üben. Am Nebentisch sitzen drei Männer, die irgendwas studieren
und diskutieren. Das mit dem Diskutieren war ja schon störend genug,
eigentlich sollte man sich in einer Bibliothek ja halbwegs konzentrieren
können. Aber es kam noch schlimmer. Einer der drei hatte anscheinend eine
verstopfte Nase und kein Taschentuch dabei. Im Abstand von wenigen Minuten
machte er ohrenbetäubende Schniefer, indem er den Rotz in der Nase hochzog.
Ganz ohne sich zu genieren, und außer mir schien sich auch sonst niemand
daran zu stören...
Freitag, 21. Januar Am
Strand von Guanabara (in der Nähe von Rio) ist vor einer Woche Öl
ausgelaufen (600.000 Liter, aus einem Schiff der Petrobras). Das Umweltamt hat
eine Strafe von 5000 R$ für jedes tote Tier ausgesetzt. Jetzt bezahlt die
Petrobras jedem, der ihr einen toten Vogel bringt, 5 R$ - ein gutes Geschäft,
oder?
Samstag, 22. Januar Es
gibt hier wirklich jede Klasse von Hotelzimmern. Gestern bin ich mit dem Bus
durch die Stadt gefahren, und da lag eines mitten in einer Favela.
Übernachtungspreis: 5 R$.
Sonntag, 23. Januar Als
ich die neue Veja (so eine Art Pendant zum Spiegel) aufgeschlagen habe, konnte
ich es erst mal gar nicht glauben: Kein Artikel über diese Ölkatastrofe. Die
wird nur im letzten Absatz eines Artikels über den Oben-Ohne-Skandal erwähnt
(s.O.) mit dem Tenor, die Polizisten sollten sich doch lieber um was anderes
kümmern, zum Beispiel um Körperteile von Todesopfern, die an Rios Strände
gespült werden. Oder eben um Ölkatastrofen. Aber das ist doch vielleicht
eine Prioritätensetzung!
Mein
zweiter Besuch in einem Candomblé-Terreiro, ebenfalls ein sehr altes,
Oxumaré im Stadtteil Federacão. Man kann von der breiten Straße Vasco da
Gama aus die weißen Treppen sehen, die zu dem Terreiro hinaufführen. Das
Ritual ist diesmal für Ogum, den Gott des Krieges. Das Terreno ist viel
kleiner als das von Afonjá, besteht aber auch aus mehreren Häusern, die
jedoch nicht einzeln über ein großes Gelände verstreut liegen, sondern eher
wie bei einem großen Gehöft aneinander anstopen. Das Haupthaus, in dem das
Ritual stattfindet, ist mit weißen Girlanden geschmückt, die an der Decke
hängen, an den Wänden sind aus blau-glitzerndem Steropor geschnittene
Schwerter und Schilde aufgehängt, außerdem ein Bildnis von Ogum. In der
einen Ecke steht eine Art Alter mit afrikanische Schnitzfiguren. An der dem
Eingang gegenüberliegenden Querwand ist eine Einbuchtung für die Musiker. Es
gibt hier nur Trommler, gesungen wird von den Baianas selbst, mit einem vom
Babalorixá (ist hier ein Mann) angestimmten Texten. Auch aus dem Publikum
singen welche mit. In der Mitte steht eine Art runde Säule, die sie immer
wieder küssen, ich konnte aber nicht erkennen, was das sein soll. Im
Eingangsbereich trennt eine Art Balustrade den Besucher/innenbereich ab, der
für die Frauen ist größer als der für die Männer (siehe Skizze), es gibt
nur wenige Sitzplätze, die meisten müssen stehen. Hier wird es während der
Zeremonie so voll, dass man eigentlich gar nichts mehr sehen kann. Das Ritual
spielt sich genauso ab, wie beim ersten Mal: Erst tanzen die Baianas sich in
Trance, dann werden sie „entkleidet“, dann rausgeführt (diesmal nicht
durch den Haupteingang, sondern neben raus, wo das Haupthaus offenbar mit dem
Seitentrakt verbunden ist). Dann kommen sie wieder in den Kostümen des Orixas,
diesmal eben mit Rüstung und Schwertern wie Ogum. (direkt
zum nächsten Candomblé-Besuch)
Mittwoch 26. Januar Heute
habe ich mir eine Zeitung gekauft mit dem Titel "TV Brasil", weil
ich dachte, sie würde ein Fernsehprogramm enthalten. Tat sie aber nicht. Es
sind nur ausführliche Berichte über die derzeit laufenden Telenovelas drin,
die insbesondere erklären, was in der kommenden Woche alles passieren wird
und mit Spekulationen darüber aufwarten, wie es wohl weitergeht. Ist ja
irgendwie auch klar: Wann die Telenovelas kommen, weiß man ja sowieso. Dafür
braucht man sich ja keine Zeitung zu kaufen...
Donnerstag, 27. Januar Manche
Frauen haben hier doch tatsächlich langgewachsene, lackierte und manikürte
(nein: pedikürte) Fußnägel!!! Das kann auch nur Leuten einfallen, die das
ganze Jahr keine Strümpfe anziehen müssen. Überhaupt fällt mir auf, wie
viele Frauen hier geschminkt sind. Und das bei dieser Hitze. Lippenstift!!!
Und noch etwas schickes gibt es hier: BHs mit durchsichtigen Trägern. Damit
man sie unter das Top ohne Träger anziehen kann und dann sieht es von weitem
so aus, als hätte das alles überhaupt keine Träger. Aber weiße Striche
kriegt man da natürlich trotzdem, denn die Sonne geht durch das Plastik
natürlich nicht durch.
Nochmal bei einem Candomlé, diesmal in dem schicken Terreiro Pilão de Prata. Hier ist alles gut in Schuss, das Terreiro ist wie ein Condominio von einer Mauer umzäunt mit einem Security-Mann am Eingang. Verschiedene Treppen führen von der Eingangstür runter zum eigentlichen Haupthaus, grün gestrichener Beton soll wohl Sauberkeit mit Naturnähe kombinieren, alles jedenfalls schick gemacht, kein fest getretener Erdboden, sondern alles ordentlich gekachelt und gestrichen. Über das Gelände verteilt gibt es Statuen von den verschiedenen Orixas, alles beschriftet, so dass auch Fremde wissen, um was es geht. Das Gelände führt geht terrassenförmig nach unten, auch wenn man durch das Haupthaus durchgeht. Alle Häuser sind offen und einsichtig, zum Beispiel auch das von Oxalà, das direkt neben dem Haupthaus liegt. Es gibt prächtige Stühle für den Babalorixà und Essen schon während des Rituals, wohl damit die Zeit nicht so lang wird...
Montag 31. Januar Vorhin
hatte ich ein wirklich interessantes Interview mit einer Mae-de-Santos in
einem Candomblé-Terreiro, Mae Anice de Oxossi. Ihr Terreiro funktioniert
sozusagen im Wohnzimmer in einem ziemlich kleinen Haus, mitten in einem eher
heruntergekommenen Stadtteil. Durch die Haustür kommt man in den Fernsehraum
(steht nicht mehr drin als Sofa und Fernsehn), rechts geht es ab zum
Konsultationszimmer, gradeaus in die Küche und wenn man auch da durch ist,
kommt man in den Festsaal, der für die Rituale hergerichtet ist. Lustig. Das
Interview war leider weniger ergiebig. Sie hat auf meine Fragen fast
durchgängig nur mit Ja oder Nein geantwortet. Sind eben nicht sehr
intellektuell, diese Wein. Mittwoch,
2. Februar Fest
der Iemanjá, der Meeresgöttin, bei uns im Stadtteil Rio Vermelho. Seit
gestern werden die Busse schon umgeleitet, es grenzt wirklich an ein Wunder,
das trotzdem alles noch halbwegs funktioniert. Am Fischerhafen ist eine
Barracke aufgebaut, wo die Leute ihre Opfergaben abgeben können. Ich war zum
Glück schon am Vormittag da und musste nur etwa eine Stunde in der Schlange
stehen. Reiche und Arme, Schicke und Abgerissene stehen da ganz geduldig, wer
nichts dabei hat (wie ich), kann für ein paar R$ Blumen von fliegenden
Händlern kaufen, aber die meisten hatten Körbchen dabei mit Blumen, Schmuck,
Spielsachen und so weiter, hübsch drapiert und glitzernd. Außerdem kamen
ganze Gruppen mit großen Wagen, auf denen ihre Opfergaben hergerichtet waren,
meistens noch mit einer Statue von Iemanjá dabei oder einer großen
geöffneten Muschel drauf. Nicht nur Candomblés, sondern auch
Büroabteilungen, Krankenhausstationen, die Partei der Grünen etc. Viele
nutzen das Fest offenbar so als eine Art Betriebsausflug. Als ich nachmittags
mich noch mal in das Getümmel stürzte, war schon kein Durchkommen mehr. Viel
Bier und Hektik. Habe mir den Rest im TV angeschaut und dabei noch einiges
erfahren: Das Fest wurde ungefähr 1924 von den Fischern erfunden, bzw. von
ihren Frauen, die weil die Fischer draußen waren und ein Gewitter kam,
Iemanjà geopfert haben und tatsächlich sind ihre Männer heil und mit gutem
Fang wieder heimgekommen. Seither wird dieses Fest jedes Jahr gefeiert,
anfangs ließen sie am Vormittag immer auch noch eine Messe lesen in der
benachbarten Kirche, aber in den dreißiger Jahren hat der Priester wohl in
seiner Predigt gegen diesen heidnischen Opferkult am Nachmittag gewettert und
von da an hat man's mit der Messe eben sein gelassen. So ist Iemanjà das
einzige große populäre Fest des Candomblé, das nicht gleichzeitig auch ein
katholisches Heiligenfest ist.
Die täglichen
Telenovelas werden hier ja nur etwa eins, zwei Wochen im voraus gedreht, weil
die Handlung sich den Wünschen der Zuschauerinnen anpasst (sie werden ganz
überwiegend von Frauen geguckt, weshalb die Intellektuellen sie auch für
doof und banal halten). Eine Figur in der Serie, die beim Publikum nicht
ankommt, wird rausgekickt, eine, die ankommt, kriegt mehr Sendezeit. Ruckzuck.
Das hat natürlich rein wirtschaftliche Gründe (mehr Zuschauerinnen, mehr
Werbeeinnahmen). Nun habe ich heute eine "intellektuelle" Analyse
gelesen, dem Autor ist aufgefallen, dass in letzter Zeit jeweils im Lauf der
Folgen die von den Drehbuchautoren eigentlich projektierte weibliche
Hauptrolle (Typ braves Mädel, das auf den Prinzen wartet und zwischenzeitlich
viel Ungerechtes erleiden muss) zugunsten einer anderen, zunächst als
Nebenfigur geplanten, interessanteren Protagonistin an Bedeutung verloren
hat. Also: was die Zuschauerinnen wollen, das kommt im Fernsehen, und
findet dann irgendwann auch Eingang in das "intellektuelle"
Repertoire (wie besagter Artikel beweist). Das ist doch irgendwie ein schönes
Prinzip. Im Moment gewinnt bei Terra Nostra Paula gegen Giuliana...
Samstag, 5. Februar Weil
mir das ständige Baden im Salzwasser-Wellen-Meer auf die Nerven ging (man
kann nicht richtig Schwimmen, wird sandig und salzig) habe ich mich heute
einfach mal frech an den Swimmingpool vom Othon Palace Hotel gelegt. Da kann
man geruhsam in den Pool gleiten, auf sauberen Liegestühlen mit hoteleigenen
Handtüchern liegen und Touristen beobachten. Trinken und Essen sollte man
nix. Erstens verlangen sie dann den Zimmerschlüssel und man muss eine Ausrede
erfinden, warum man den grade nicht dabei hat und lieber bar bezahlen will,
außerdem sind die Preise echt gesalzen: 3,30 R$ für eine Kokosnuss, am Stand
vor unserem Haus kostet sie 0,60!
So,
endlich bin ich mal in Morro de São Paulo. Das ist ein Inseldorf, irgendwo
zwei Stunden Bootsfahrt südlich von Salvador. Ein echtes Paradies. Keine
Autos, weißer feiner Sand an den Stränden, bei Ebbe natürlich Schwimmbecken
mit Fischen drin, jede Menge Bars und Restaurants, nachts am
vollmondbeleuchteten Strand Cocktail- und Kuchenstände. Was will man mehr.
Ausruhen, gucken, braun werden. Da keine Autos fahren, werden die Koffer der
Reisenden von Jungs auf Schubkarren zum Hotel transportiert. Wir brauchten
einen solchen Service aber nicht. Bikini, Canga und Badeschlappen, zwei
T-Shirts – mehr ist hier Überfluss...
Donnerstag, 10. Februar Die
meisten Touristen hier in Morro kommen aus Argentinien oder aus Chile. Die
Männer haben lange glatte schwarze Haare und Pferdeschwanz, die Frauen sind
blond und nicht besonders schön (wenn ich das jetzt mal einfach so sagen
darf) im Vergleich zu den Brasilianerinnen. Und alle nuckeln dauernd an
Maateteetassen herum, die so ein argentinischer Mensch offenbar immer im
Gepäck hat, zusammen mit einer Thermoskanne mit heißem Wasser. Die Tasse hat
einen eingebauten Strohhalm mit Gitternetz unten dran, damit man die
Teeblätter nicht mitnuckelt. Eine komische Nationalsucht.
Freitag, 11. Februar Da
man ja nicht immer nur am Strand rumliegen kann, bin ich heute Nachmittag mal
spazieren gegangen. Und da wanderte ich immer gradeaus und immer gradeaus, bis
es irgendwann zu spät war zum Umkehren. Es war dann aber auch zu einsam und
kein Mensch weit und breit, den ich hätte fragen können. Endlich kamen dann
aber Vater und Sohn vorbei und sagten mir, es sei nur noch 15 Minuten bis
Gamboa, ein anderes kleines Dorf, von dem Boote zurück nach Morro fahren.
Klasse, dachte ich mir. Leider führte der Weg dann an einer Kläranlage
vorbei und die Straße war deutlich über-kniehoch mit verschmutztem
stinkendem Kloakenwasser überschwemmt. Todesmutig durchgewatet. Vermutlich
kriege ich jetzt Billharziose oder Denguefieber oder was man sonst so bekommt
bei dreckigem stehenden Wasser.
Samstag, 12. Februar Heute
Nachmittag habe ich trotzdem wieder einen Spaziergang gemacht und wurde
tatsächlich belohnt. Erst wurde der Weg allerdings immer schmaler und
holpriger, so dass man eigentlich gar nicht mehr sah, dass da ein Weg war,
aber als ich schon fast aufgeben und umdrehen wollte kam noch eine Kurve und
ich stand auf dem höchsten Punkt der Insel, mit herrlichem Rundumblick nach
allen Seiten auf's Meer – und mit einer Bar und Stühlen. Bei einer
Kokosnuss genoss ich die Aussicht, völlig allein. Das ist auch irgendwie
typisch – stellen die unten kein Schild auf, wer soll denn das finden?
Stattdessen rennen alle auf den Leuchtturm hoch, wo die Aussicht nicht halb so
gut ist und es auch nix zu trinken gibt...
Montag, 14. Februar Das
Strandleben ist richtig erholsam, und es ist auch nett, wenn es nachts einfach
so nahtlos weitergeht. Wir haben Vollmond, und es ist auch nachts richtig
hell. Besonders besoffen sind die skandinavischen Touristen, für die die
Alkoholpreise hier natürlich eine richtige Versuchung sind. Nachts kann man
den Leuchtturm von Barra blinken sehen... Wieder
zurück in Salvador. Die Rückfahrt im Katamaran war noch schlimmer, als die
Hinfahrt. Obwohl das Meer eigentlich ganz ruhig war, hat es so geschaukelt,
dass ich die ganze Zeit über höchste Konzentration aufbringen musste, um
nicht zu kotzen. Dafür hat es diesmal auch nur 1 Stunde 40 Minuten gedauert
(statt 2 Stunden). Von mir aus könnte es auch 4 Stunden dauern, wenn es
dafür weniger zum Erbrechen wäre.
Donnerstag, 17. Februar In
der Zeitung stand heute, dass jemand in einem Wohnhochhaus im soundsovielten
Stock in seiner Wohnung ein Candomblé-Terreiro eingerichtet hat. Die Nachbarn
wollen ihn jetzt rausklagen wegen Lärmbelästigung. Manche Leute haben echt
Nerven.
Freitag, 18. Februar Heute
lief hier in den Kinos "The Beach" an. Nach dem Strandurlaub in
Morro fand ich den Film richtig obskur. Was soll man schon mit einem solchen
einsame-Insel-Charme anfangen? Ein Strand ohne gekühltes Bier ist doch
irgendwie nur der halbe Spass...
Sonntag, 20. Februar Die
Brasilianer haben überhaupt keine Ironie. Das fiel mir auf, als ich eben
zufällig zwei Kinokritiken über die "Drei Könige" im Golfkrieg
las. Der brasilianische Kommentar kommt ganz naiv (so erscheint uns das) daher
und erzählte, das hat ihm gefallen und das nicht etc. Während die deutsche
Variante sich über Clooney Schönaussehen lustig macht etc. Dieser Stil ist
vollkommen verschieden. Genauso naiv und ironielos treiben sie hier auch
Politik: Die PT (Arbeiterpartei) schaltet derzeit Spots gegen die
"Übernahme" nationaler Unternehmen durch ausländische Investoren
und lässt ganz plump einen Typ auftreten, der in seinem eigenen Land nicht
mehr verstanden wird, weil alle nur noch englisch, französisch oder deutsch
sprechen.
Montag, 21. Februar Was
mir nicht so gut gefällt ist, dass es eigentlich wenig öffentliche Plätze
gibt, an denen man sich gut aufhalten kann. Zum Beispiel hab ich die Parks
anfangs gar nicht als solche erkannt, denn sie bestehen zu 80 Prozent aus
Gebäuden oder gepflasterten Plätzen. Das ist wohl hierzulande ein Zeichen
von Zivilisation. Da ist man dann zwar gut versorgt (mit Toiletten,
Polizisten, Restaurants), aber es ist eben nicht unbedingt das, was unsereins
sich unter Idylle vorstellt. Und die wild-romantisch-verwilderten Eckchen, das
sind halt nicht eben die, wo sich unsereins einfach so aufhalten sollte.
Dienstag, 22. Februar Ich
hab's endlich überprüft: Das Wasser läuft hier im Waschbecken in einer
Spirale ab, die sich gegen den Uhrzeigersinn dreht. Irgendwo hab ich nämlich
mal gelesen, dass das auf der Nord- und Südhalbkugel andersrum ist. Wie ist
es im Norden?
Mittwoch, 23. Februar Die
gute Nachricht im Fernsehen heute: Es gibt jetzt in Brasilien ein
"Schlangengesetz", frisch vom Parlament verabschiedet. Das hat
nichts mit den Tieren zu tun, sondern mit denen, in denen man rumsteht.
Krankenhäuser, Banken, Behörden usw., die die Leute länger als 30 Minuten
warten lassen, müssen in Zukunft Strafe zahlen, zwischen 200 und 3000 R$.
Leider ist es hier mit den Gesetzen so, dass man erst mal abwarten muss, ob
sich auch jemand dran hält.
Donnerstag, 24. Februar Der
neuste Hit ist ein Bier in der Dose, auf die ein Thermometer aufgedruckt ist,
das anzeigt, wann es richtig gekühlt ist...
Der
Countdount läuft: Noch soundsoviel Tage bis Karneval. Überall werden
Gerüste aufgebaut, für die "Camarotes", von denen aus zahlende
Gäste relaxed das Gerummel auf den Straßen beobachten können. Und Millionen
Plastikklohäuschen stehen schon rum, die am Ende aber doch wieder nicht
reichen werden. Und dann das Aids-Mädchen aus dem Fernsehspot, das seinen
Bumspartner vom letzten Karneval zum Aidstest auffordert – sie hat es
nämlich, und weiß nicht, ob sie's bei dieser Gelegenheit weitergegeben oder
bekommen hat... "Aids – man kann sich so leicht davor schützen wie
man's kriegt". Dass alle durcheinander vögeln beim Karneval scheint hier
so allgemein normal und üblich zu sein, dass man fast katholisch werden
könnte.
Samstag, 26. Februar Das
Aids-Mädchen aus dem Spot ist in die Kritik geraten. Die "Assoziation
fortschrittlicher Schwarzer" (oder so ähnlich) findet, das ist
Rassismus, weil die Darstellerin schwarz ist und der Spot würde den Eindruck
erwecken, dass man sich von Sex mit Schwarzen Aids holt. Die den Spot gemacht
haben, halten dagegen, dass sie eben die beste Schauspielerin gewesen sei, und
es wäre doch Rassismus gewesen, sie nicht zu nehmen, blos wegen der
Hautfarbe...
Sonntag, 27. Februar Dieses
Jahr wird nicht nur 500 Jahre Brasilien gefeiert, sondern auch 50 Jahre
"Trio Eletrico". 1950 hatten zwei Herren namens Osmar und Dodo die
Idee, auf einem LKW oben eine Musikanlage zu montieren und damit durch die
Stadt zu fahren, um die Menge von den festmontierten Bühnen unabhängig zu
machen. Inzwischen sind diese Trios riesige LKWs, rundum voller Boxen und
Millionen-Watt-Anlagen und obendrauf haben sie eine Bühne mit Band. Wenn so
ein Trio losfährt, wird rundum eine dicke Kordel gelegt, die von
Security-Leuten gehalten wird, die vorne eine Schneise in die Menschenmenge
schlagen, damit der LKW durchkann. Innerhalb dieser Kordel laufen massenweise
Leute vor und hinter dem LKW mit. In diesen abgetrennten Sicherheitsraum
dürfen nur Leute rein, die eine sogenannte "Abadá" gekauft haben,
ein T-Shirt oder ein ganzes Fastnachtskostüm, eben im Design des "Blocos"
(so heißt dieses ganze Ensemble von LKW, Band und Fangemeinde). Das Ganze
kostet für drei Tage so etwa 500-600 R$ (die Preise sind unterschiedlich, je
nach Berühmtheit der Band, die die Musik macht und nach Häufigkeit der
Rundfahrten), aber das ist nur der offizielle Preis. Da die bekanntesten
Blocos schon seit Monaten ausverkauft sind, liegen die Schwarzmarktpreise
inzwischen bei dem Doppelten/Dreifachen. Jetzt könnte man sich natürlich
fragen: Ist das nicht langweilig, den ganzen Abend nur Musik von einer Band?
(ich habe mich das jedenfalls gefragt). Die Antwort ist: Alle Blocos spielen
mehr oder weniger dieselbe Musik. Jede der berühmtesten Bands macht jährlich
einen Karnevalhits, und alle spielen die Hits von allen. Und das Volk kennt
die natürlich schon und kann die entsprechende Choreografie mittanzen, nicht
so sehr die eingekauften Mittelständler innerhalb der Kordel, aber ganz
bestimmt die Jungs und die Frauen mit ihren Töchtern, die am Straßenrand
Bier und Bratspieße verkaufen. Inzwischen gibt es rund 70 Blocos, die
während der sechs Karnevalstage eine Strecke von insgesamt 25 Kilometer
bespielen, Tag und Nacht (mit einer kleinen Pause in den Vormittagsstunden). Dienstag,
29. Februar Die
Zahl der Touristen, die zum Karneval angereist sind, ist in den Nachrichten
inzwischen schon auf 700.000 angewachsen (in Rio sind es nur 300.000). Der
beste Karneval von Brasilien ist also hier! Wir feiern in diesem Jahr
übrigens auch 15 Jahre Afoxé. Das sind die Blocos, die von afrikanischer
Religion und Kultur beeinflusst sind, und vorher verboten waren. Im Bloco Ilê
Ayé dürfen nur Schwarze mitlaufen und die Mãe-de-Santos macht vorher ein
Candomblé-Ritual und lässt Tauben fliegen. Im Bloco Filhos de Gandy
(Vizepräsident ist Gilberto Gil) dürfen nur Männer mitlaufen..
Mittwoch, 1. März Die
Stadt ist vollends im Karnevalsfieber. Morgen
geht’s los. Alle Busse sind umgeleitet, es ist schon erstaunlich, dass die
Organisation am Ende dann doch immer wieder funktioniert. "Salvador –
Schweiß und Bier" ist das Motto dieser Tage. Im Preis für die Abadás
inbegriffen ist übrigens neben T-shirts, Toiletten (im LKW) und Konfetti auch
anderes Nützliches, etwa der Konsum von z.B. 36 (jawohl: sechsunddreißig)
Bieren in einem "Bloco", der drei Tage unterwegs ist. Wenn man alle
Tage mitläuft, muss man also zwölf Bier am Tag trinken, um nix zu
verschenken. Es gibt natürlich auch Leute, die sich keinem dieser Blocos
anschließen (ich zum Beispiel) und die sich auch nicht in einen Camarote,
eine Ausguckbox einkaufen, die heißen "Pipocas", Popcorn. Die sind
natürlich besonders gefährdet und müssen besondere Sicherheitsvorkehrungen
treffen, die in den Tageszeitungen schon ausführlich angekündigt werden. Die
gängigsten Tipps sind: T-Shirt und Shorts anziehen und feste Schuhe, sowenig
Geld mitnehmen wie möglich, und das an verschiedenen Stellen am Körper
verstecken, Schmuck, Fotoapparat und dergleichen – nicht mal dran denken.
Okay, darauf wäre ich auch noch von selbst gekommen. Aber darauf nicht:
Keinen kurzen Rock anziehen, sondern lieber Shorts. Warum? Dann ist es nicht
ganz so unangenehm, wenn dir wildfremde Leute zwischen die Beine greifen (im
Ernst, stand so in der Zeitung).
Donnerstag, 2. März Jetzt
ist mir auch die Entstehung der "Polonaise" als Teil der
Karnevalssitten eingeleuchtet. Es ist die einzige Methode, bei der wenigstens
eine winzige Chanze besteht, sich in dem Trubel fortzubewegen und trotzdem
zusammen zu bleiben...
Freitag, 3. März In
São Paulo regnet es, aber die Escolas de Samba desfilieren trotzdem. Ein
Wagen sollte eine Madonna zeigen, angelehnt an die Pietà, die einen
Indianer-Jesus auf dem Schoß hält. Die musste im letzten Augenblick
zugedeckt werden, weil die Kirche einen Gerichtsbeschluss erwirkt hat, der das
Mitführen von christlichen Symbolen bei solch heidnischem Treiben verbietet.
Das Gemeinste ist: Meine Telenovela kommt heute abend nicht, weil sie Karneval
übertragen. Dabei ist sie noch nicht mal an Weihnachten ausgefallen...
Samstag, 4. März Es
gibt außer den Abadás, den Pipocas und den Vips in den Camarotes (braucht
Ihr schon ein Wörterbuch?) noch andere wichtige Leute im Karneval von
Salvador. Zum Beispiel die Catadores. Das sind die Leute, die die leeren Dosen
aufsammeln, pro Kilo bekommen sie ca. 1 Mark. Irgendwie hab ich aber keine
Vorstellung davon, wie viele leere Dosen es braucht, um auf ein Kilo zu
kommen. Jedenfalls sind sie ziemlich wichtig. So liegen auf den Straßen
wenigstens keine Dosen rum, sondern nur Plastikflaschen, leere Kokosnüsse,
Papiertüten etc... Nein. Es gibt auch jede Menge Müllleute und
Straßenkehrer, die dauernd unterwegs sind und auch sehr hübsche bunte
T-Shirts anhaben. Wie auch die Sanitätsleute, die Mac Donalds-Verkäuferinnen
usw. Es ist irgendwie auch ein Wettbewerb: Wer macht für seine Peergroup das
schönste, bunteste T-Shirt?
Sonntag, 5. März Der
Pelourinho – die Altstadt – ist immerhin für Trio Eletricos gesperrt, das
heißt, es geht etwas gemütlicher zu. Es gibt massenweise Umzüge von
verkleideten Leuten, zum Teil sogar mit Blaskapelle, und alles sehr schön
anzuschauen. Sie spielen manchmal sogar richtige Blasmusik, die sich aber
irgendwie nicht so militärisch anhört, wie bei uns. Und eine spielte sogar
die Rosamunde (ungelogen). Der deutsche Einfluss auf den brasilianischen
Karneval?
Montag, 6. März Während
das ganze Land nachts die Übertragung der Desfiles der Sambaschulen von São
Paulo und Rio sehen kann, kommt hier im TV nur Dauerberichterstattung vom
Karneval in Salvador. Da es dabei aber nichts zu berichten gibt, weil dauernd
dasselbe passiert (Musik-LKWs fahren durch die Stadt und Leute tanzen) ringen
sich Reporterinnen und Interviewte vollkommen dämliche Gespräche ab, in
denen vor allem die Wörter "Energie", "Fröhlichkeit",
"der beste Karneval Brasiliens", "Gute Stimmung"
vorkommen. Ober-Langweilig. Erst gegen eins, zwei Uhr nachts wird dann endlich
nach Rio oder São Paulo umgeschaltet. Ich habe gestern abend deshalb nur eine
Sambaschule mitgekriegt (es gibt sieben pro Nacht und jede dauert eins bis
eineinhalb Stunden), und zwar gleich noch die Schlechteste. Irgendwie hatten
sie sich anfangs vertrödelt und da die Zeit auf 1 Stunde 25 Minuten begrenzt
ist, sind die Leute am Ende praktisch durch das Sambadrom gerannt statt
desfiliert, was irgendwie zwar auch lustig war, aber sie haben mir auch schon
leid getant. Anschließend wurde dann der Präsident interviewt und der sagte,
wieso, es wäre doch eine schöne Vorstellung gewesen. Er fände nicht, dass
die Leute gerannt wären. Immerhin: Nach 1 Stunde 24 Minuten waren alle über
die Ziellinie...
Mittwoch, 8. März Aschermittwoch
und endlich mal wieder ein Shopping-Center auf. Also konnte ich mir eine
Zeitung kraufen. Darin gab es eine Reportage über die heutigen Möglichkeiten
für Frauen mittleren Alters (so um die fünfunddreißig, also in meinem
Alter, warum halte ich mich eigentlich für jung?), einen jugendlichen Körper
zu haben. Es ist auffällig, wie selbstverständlich es hierzulande ist, dass
eine Frau Fett absaugen lässt und sich Silikon in die Busen stopft. Eine
Fernsehmoderatorin wurde mit den Worten zitiert, dass jede Frau über dreißig
mit einer halbwegs annehmbaren Figur so eine Operation gemacht habe (was für
mich jetzt eine prima Ausrede ist, denn mein Körper ist natürlich der
schlagende Beweis, dass ich so was nie machen würde!). Und ganz
selbstverständlich geht die figurbewusste Frau auch zwei bis drei Stunden
täglich ins Fitnessstudio – ganz abgesehen davon, dass sie natürlich
Kinder hat und auch Karriere macht. Wieviele Stunden hat eigentlich deren Tag?
Donnerstag, 9. März Heute
war ich mal wieder am Strand, aber der war fürchterlich überfüllt. Ich hab
nicht dran gedacht, dass man hier die Woche nach Karneval natürlich dazu
braucht, sich wieder zu regenerieren, und wo geht das besser, als am Strand?
Auf dem Rückweg war ich in der Kirche von Itapuã, die ist echt süß. Lauter
alte Kacheln innen drin, aber die Heiligen-Statuen sind alle mit
super-kitschigen, verschiedenfarbigen Neon-Leuchtröhren umrahmt.
Freitag, 10. März Eine
der netten Sitten hier, die ich zurück in Deutschland sicher vermissen werde,
ist die Angewohntheit der Leute, im Bus die Taschen und Bücher derjenigen,
die stehen müssen, auf den Schoß zu nehmen, damit sie sich besser festhalten
können. Ich stelle mir das lustig vor, ich steh in der S-Bahn und stelle
meinen Rucksack einfach beim nächstbesten Sitzgast auf dem Schoß ab. Noch
lustiger würde es vermutlich werden, wenn ich selber, sitzend, den stehenden
Mitfahrgast auffordere, mir seine Aktentasche zu geben!
Samstag, 11. März Wieder
ein Rätsel gelöst, das Busfahren betreffend. Ich habe mich immer gewundert,
warum sich die Leute hier nicht einfach hinsetzen, wenn im Bus ein Platz frei
wird, sondern sich erst ein paar Sekunden so komisch in den Sitz klemmen, aber
ohne sich richtig hinzusetzen: Lösung – sie warten drauf, dass der Schweiß
getrocknet ist, den der Vorgänger/die Vorgängerin da möglicherweise
hinterlassen hat.
Dienstag, 14. März Es
gibt hier eine politisch unkorrekte Leichtigkeit (Naivität?), die mir
manchmal den Atem verschlägt. Heute zum Beispiel eine Besprechung des Filmes
"Boys don't cry" gesehen, worin ein Transsexueller in einem
Hinterwäldler-Dorf in den USA die Frauen verführt und die Jungs begeistert,
bis rauskommt, dass er, biologisch gesehen, eine Frau ist. Dann wird er/sie
vergewaltigt und umgebracht. Jedenfalls ist die Schauspielerin für den Oscar
nominiert worden und darüber ging nun der Kommentar des älteren Herren: Es
sei ja wirklich ekelhaft und widerlich, schrieb er, im Kino Sexszenen zwischen
zwei Frauen zu zeigen. In diesen Worten. Das würde sich doch in Deutschland
niemand trauen, selbst wenn er's denken würde. Und den Oscar hätte die
Schauspielerin verdient, wenn vielleicht auch nicht fürs schauspielern, so
dann doch für den Mut, eine solche Rolle zu übernehmen!
Freitag, 17. März Das mit den Gesetzen und der Polizei hier ist eine lustige Sache. Gestern zum Beispiel bin ich spät abends nach Hause gefahren, es fuhren schon keine Busse mehr, sondern nur noch kleine Sammeltaxis, nicht alle legal. Ich erwischte ein nicht-legales, das dann auch noch völlig überfüllt war, und die Leute unterhielten sich, dass es wirklich blöd wäre, jetzt in eine Kontrolle zu geraten. Als wir dann von einer Polizistin angehalten wurden, wurde mir erst mal mulmig, den anderen aber merkwürdigerweise nicht: Sie hatten gleich gesehen, dass das keine Kontrolle war, sondern dass sie einfach nach Hause wollte – und da nimmt man eben mitten in der Nacht, was da noch fährt, und wenn es auch ein illegales, total überfülltes Sammeltaxi ist. Sie hat sich einfach noch mit reingequetscht.
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